1'000'000'000'000 Euro - die Summe ist unvorstellbar. Schon einmal, auf dem Höhepunkt der Euro-Krise vor drei Jahren, pumpte die Europäische Zentralbank gut eine Billion Euro ins Finanzsystem. In den nächsten zwei Jahren wollen die Notenbanker noch einmal dieselbe Summe locker machen. Doch während das Ziel damals war, wankende Banken zu stabilisieren, soll das Geld nach dem Kalkül der EZB nun direkt in die Wirtschaft fliessen: zu tausenden mittelständischen Firmen zwischen Dublin, Rom, Flensburg, Helsinki und Athen, als Kredite für Fabrikhallen, moderne Maschinen oder neue Lastwagen - ein gigantisches Konjunkturprogramm, nur eben aus der Frankfurter Notenpresse.

Doch aus Sicht der EZB ist es damit nicht getan. Für Peter Praet, den Chefökonom der Notenbank und Kopf hinter dem neuen Programm, ist die neue Billion auch dazu da, die vielen immer noch angeschlagenen Banken in den Euro-Ländern zu päppeln. Für sie soll es günstiger werden sich zu refinanzieren, wenn sie zum Dank für mehr Kredite an die Wirtschaft zusätzliches Geld von der EZB bekommen und damit nicht mehr so stark von den freien Refinanzierungsmärkten abhängen. Dahinter steckt ein einfaches Kalkül: jede Bankanleihe, die nicht ausgegeben wird, weil genug Geld von der EZB kommt, zieht die Kurse an diesen Märkten nach oben und drückt zugleich die Zinsen - davon profitieren Banken und mögliche Kreditnehmer dann gleichermassen.

Banken sollen Job der EZB machen

«Wir stellen sicherlich Kredite zur Verfügung, aber es sind eben nicht nur Kredite, es handelt sich zusätzlich auch um eine weitere Liquiditätsspritze, mit der die Banken Geld bekommen, um ihre eigene Refinanzierung zu ersetzen», sagte Praet am Mittwoch in Paris. Erwünschter, zusätzlicher Nebeneffekt: die Banken können der EZB eine politisch heikle Aufgabe abnehmen und Wertpapiere in grossem Stil aufkaufen, die die Notenbank sonst vielleicht eines Tages selbst erwerben müsste, sollte die Konjunktur doch abschmieren.

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Dass die Banken seit Jahren weniger Kredite vergeben, ist fraglos das grösste Problem für die Konjunkturentwicklung in den Schuldenländern, weniger allerdings in Deutschland. Und es ist der wahr gewordene Alptraum von EZB-Präsident Mario Draghi: Denn ohne neue Kredite für Unternehmer wird die Wirtschaft in den 18 Euro-Ländern nicht an Fahrt gewinnen.

Kreditvergabe wird belohnt

Damit das möglichst nicht passiert, kommen auch die Banken bei dem jetzt aufgelegten Programm nicht zu kurz - ganz im Gegenteil: quasi zum Dank, dass sie ihre Kreditvergabe nicht weiter einschränken, haben Draghi und Praet die Bedingungen der Billigkredite so gestaltet, dass sie für findige Institute zu einem richtig guten Geschäft werden, wenn diese im Sinne der EZB mitspielen: Vergibt eine Bank über die nächsten zwei Jahre nur einen Euro mehr als zuletzt, also schränkt ihre Kreditvergabe nicht ein, dann bekommt sie für jeden Euro mehr Kredit, den sie vergibt, drei Euro von der EZB. Mit diesem Geld kann sie machen, was sie will - also im besten Fall noch mehr Kredite vergeben. Sie kann die zusätzlichen Euros auch zur eigenen Refinanzierung nutzen. Oder Wertpapiere in grossem Stil kaufen, zum Beispiel Staatsanleihen.

Machen die Banken letzteres in grossem Stil, wäre der Effekt praktisch der gleiche, als würde die EZB selbst am Finanzmarkt aktiv, um das Zinsniveau zu senken, sagt Richard Barwell, Ökonom bei der Royal Bank of Scotland: «Sie geben den Banken billiges Geld und fordern die Banken auf, ihre Bilanz auszuweiten, und dabei schaffen diese selbst Geld und kaufen dann Wertpapiere. Das sieht verdammt nach dem aus, was die EZB sonst selbst hätte tun müssen. Aber es ist dann eben nicht die EZB, die das macht, sondern es sind die privaten Unternehmen.» Die Notenbank erspart sich damit eine heikle politische Debatte.

Banken sind der Flaschenhals

Denn «Quantitative Easing», wie ein solches Aufkaufprogramm von Fachleuten genannt wird, wird insbesondere in Deutschland abgelehnt. Wohl keineswegs zufällig legte die neue deutsche EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger Anfang der Woche die Hürde für den Einsatz solcher Mittel extrem hoch und stellte sich damit demonstrativ an die Seite von Bundesbank-Chef Jens Weidmann, dem wohl prominentesten Gegner einer zu laxen EZB-Geldpolitik: «Nur in einer wirklichen Notlage, zum Beispiel im Fall unmittelbar bevorstehender Deflation, könnte meines Erachtens ein solches Instrument in Erwägung gezogen werden.»

Sollte das Kalkül der EZB aufgehen, müsste es dazu aber gar nicht kommen. Vorausgesetzt, die Banken spielen mit. Nochmals Peter Praet: «Der Plan hat das Potenzial, den Teufelskreis aus beschränkter Kreditvergabe, mauer Konjunktur und der steigenden Zahl von Kreditausfällen zu durchbrechen.» Skeptiker zweifeln jedoch, ob das funktionieren wird, da die Banken nach der grossen Krise noch immer ihre Wunden lecken. Sassam Ghahramani, der mit seiner Firma in New York Hedgefonds-Manager berät, sagt: «Der Nutzen wird schon ohne Zweifel grösser sein als der Schaden. Die Frage ist aber, ob die Banken das Geld der EZB wirklich wie gewünscht vermehren. Sie sind der Flaschenhals.»

(reuters/gku)