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Chinas Aufstieg
Fatale Kombination von Risiken

Nouriel Roubini: US-Ökonom, bekannt als «Dr. Doom».  Keystone

Was bedeutet der Aufstieg Chinas für die Welt? Gibt es eine friedliche Lösung für die wachsenden Spannungen in Asien? US-Ökonom Nouriel Roubini über die grosse Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Von Nouriel Roubini
am 07.05.2014

Das grösste geopolitische Risiko unserer Zeit besteht nicht in einem Konflikt zwischen Israel und Iran aufgrund nuklearer Weiterverbreitung. Ebenso wenig sind es die chronischen Unruhen in einem geografischen Bogen, der sich mittlerweile vom Maghreb bis zum Hindukusch erstreckt. Nicht einmal die Gefahr eines zweiten Kalten Krieges zwischen Russland und dem Westen aufgrund der Ukraine stellt das grösste Risiko dar.

Natürlich handelt es sich bei allen diesen Entwicklungen um erhebliche Gefahren, aber keine ist so gravierend wie die Herausforderung, den friedlichen Charakter des chinesischen Aufstiegs zu erhalten. Aus diesem Grund ist es besonders beunruhigend, wenn offizielle Vertreter und politische Analytiker Japans und Chinas die bilateralen Beziehungen der beiden Länder mit jenen zwischen Grossbritannien und Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs vergleichen.

Der Aufstieg einer Grossmacht

Jedes Mal, wenn in der Geschichte eine neue Grossmacht entstand und sich einer ­bestehenden entgegenstellte, war ein Konflikt die Folge. Die Unfähigkeit, dem Aufstieg Deutschlands entsprechend Rechnung zu tragen, führte im 20. Jahrhundert zu zwei Weltkriegen. Japans Konfrontation mit einer anderen pazifischen Macht – den USA – brachte den Zweiten Weltkrieg nach Asien.

Natürlich ist keine geschichtliche Entwicklung in Stein gemeisselt: China und seine Gesprächspartner sind nicht dazu verurteilt, die Vergangenheit zu wiederholen. Handel, Investitionen und Diplomatie könnten die steigenden Spannungen entschärfen. Aber wird das wirklich gelingen? Europas Grossmächte waren es schliesslich leid, einander hinzumetzeln. Angesichts einer gemeinsamen Bedrohung durch den Ostblock und des Drängens der USA schufen die europäischen Länder Institutionen, die Frieden und Zusammenarbeit förderten und zu einer Wirtschafts- und Währungsunion sowie mittlerweile auch zu einer Bankenunion führten. Und möglicherweise kommt es eines Tages auch zu einer politischen Union und einer Fiskalunion. In Asien hingegen existieren derartige Institutionen nicht. Dort sind historische Animositäten zwischen China, Japan, Korea, Indien und anderen Ländern nach wie vor offene Wunden.

Neuer Nationalismus in Asien

Warum verschärfen sich die Spannungen zwischen den Grossmächten Asiens und warum gerade jetzt?

Zunächst ist festzustellen, dass in wichtigen asiatischen Ländern Personen zu Staats- und Regierungschefs gewählt wurden oder bei ­bevorstehenden Wahlen diesbezüglich gute Chancen haben, die nationalistischer eingestellt sind als ihre Vorgänger. Der japanische Premierminister Shinzo Abe, der chinesische Präsident Xi Jinping, die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye und der wahrschein­liche nächste indische Premierminister Narendra Modi fallen in diese Kategorie.

Zweitens stehen alle diese Staats- und Regierungschefs vor massiven Herausforderungen, notwendige Strukturreformen umzusetzen, um angesichts globaler wirtschaftlicher Kräfte, die alte Ordnungen aufbrechen, zufriedenstellende Wachstumsraten aufrechtzuerhalten.

Drittens fragen sich viele US-Verbündete in Asien (und anderswo), ob Amerikas jüngste strategische «Hinwendung» nach Asien glaubwürdig ist. Angesichts der matten Reaktion der USA auf die Krisen in Syrien und in der Ukraine sowie hinsichtlich anderer geopolitischer Krisenherde erscheint das amerikanische Sicherheitssystem in Asien zunehmend ramponiert.

China stellt nun die Glaubwürdigkeit der US-Garantien auf die Probe, wodurch Amerikas Freunde und Verbündete – angefangen mit Japan – möglicherweise einen grösseren Teil ­ihrer Sicherheitsbedürfnisse selbst in die Hand nehmen müssen.

Zahlreiche ökonomische und politische Spannungen in Asien

Dabei handelt es sich um eine fatale Kombination aus Faktoren, die letztlich zu einem militärischen Konflikt in einer Schlüsselregion der Weltwirtschaft führen könnte. Wie können sich die USA glaubwürdig nach Asien hinwenden, ohne damit chinesische Wahrnehmungen einer versuchten Eindämmung zu schüren oder bei den US-Verbündeten den Eindruck der ­Beschwichtigungspolitik gegenüber China ­­zu erwecken? Wie kann China eine legitime ­Verteidigungsstreitmacht aufbauen, die eine Grossmacht braucht und verdient, ohne seine Nachbarn und die USA zu beunruhigen, dass man auf die Eroberung umkämpfter Gebiete abzielt und strategische Hegemonie in Asien anstrebt? Und wie können Asiens andere Mächte darauf vertrauen, dass die USA ihre ­legitimen Sicherheitsanliegen unterstützen und sie nicht einer Finnlandisierung unter chinesischer Herrschaft überlassen?

Die politischen Führungen der Region – und der USA – werden enorme Anstrengungen ­unternehmen müssen, um diplomatische ­Lösungen für die Vielzahl der geopolitischen und geoökonomischen Spannungen in Asien zu finden.

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