Die Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, Janet Yellen, hat die Bedeutung des Zeitpunkts einer ersten Zinsanhebung nach der Finanzkrise heruntergespielt. Es sei weniger wichtig, wann die Leitzinsen erstmals stiegen, sagte Yellen mehrfach am Mittwoch nach der Zinssitzung der Notenbank in Washington. Entscheidender sei, in welchem Tempo die Zinsen nach einer ersten Zinsanhebung erhöht würden. Wahrscheinlich werde die Fed dieses Tempo moderat halten. Auch nach der lang erwarteten Zinswende bleibe die Geldpolitik locker, sagte Yellen.

Der genaue Zeitpunkt der Zinswende sei ausserdem nicht festgelegt, betonte die Notenbankchefin. Er sei datenabhängig, hänge also von der konjunkturellen Entwicklung ab. Deswegen werde auf jeder der kommenden Zinssitzungen besprochen, ob der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Zurzeit sei es noch nicht so weit. Bei späteren Zinsanhebungen werde man keinem «mechanistischen Ansatz» folgen oder nach einem «Fahrplan» vorgehen, die Zinsen also nicht nach einem festen Muster anheben.

Leitzins bleibt auf Rekordtief

Zuvor hatte die amerikanische Notenbank ihren Zinsentscheid bekanntgegeben. Sie behält ihre lockere Geldpolitik vorerst bei. Der Leitzins liege weiterhin in einer Spanne von null und 0,25 Prozent, teilte die Federal Reserve am Mittwoch in Washington mit. Bankvolkswirte hatten damit gerechnet.

Den den Zeitpunkt der lang erwarteten Zinswende hält die Fed weiter offen. Konkrete Hinweise, wann die Leitzinsen in den USA erstmals seit 2006 wieder steigen, gab die Notenbank in der Erklärung zu ihrer zweitägigen Sitzung am Mittwoch nicht. Ein Schwächeanfall der Wirtschaft zu Jahresbeginn kam der Fed bei ihren Plänen in die Quere, Zentralbankgeld erstmals wieder zu verteuern. Seither hat sich die Wirtschaft nach Ansicht der Währungshüter jedoch wieder einigermassen erholt.

Zinswende im September erwartet

Viele Experten rechnen jedoch für September oder das Jahresende mit der Zinswende. Dazu passt, dass die Notenbanker im Mittel für das Jahresende einen Zinssatz von 0,625 Prozent vorhersagen. Dies spricht für zwei Zinsanhebungen in diesem Jahr.

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Für das nächste Jahr senkt die Fed aber ihre Zinsprognose. Ende 2016 dürfte der Leitzins nur noch auf 1,625 Prozent (zuvor 1,875 Prozent) steigen. Für Ende 2017 wird ein Zinsniveau von 2,875 Prozent prognostiziert (zuvor 3,125 Prozent). Bereits im März hatten die Notenbanker ihre Erwartungen an das Tempo der geldpolitischen Straffung gesenkt.

Die Medianwerte bei der Zinsprognose ergeben sich aus den Erwartungen der einzelnen Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank FOMC. Alle Währungshüter geben ihre Prognose während der zweitägigen Zinssitzung ab. Beobachter warnen davor, den Erwartungen zu viel Beachtung beizumessen. Auch Fed-Chefin Janet Yellen hatte in der Vergangenheit ihre Bedeutung mehrfach relativiert. Allerdings werden die Prognosen an den Finanzmärkten stark beachtet.

Konjunkturprognosen gesenkt

Nach dem schwachen Start beurteilen die Währungshüter die Konjunkturaussichten nun aber etwas pessimistischer: Für 2015 erwarten sie nur noch ein Wachstum von 1,8 bis 2,0 Prozent. In der März-Prognose sagte die Fed noch 2,3 bis 2,7 Prozent voraus.

Dennoch sind auch zuversichtliche Töne zu vernehmen. Die Wirtschaft sei zuletzt moderat gewachsen, heisst es in der Erklärung. Auch der Beschäftigungszuwachs habe an Fahrt gewonnen, während die Arbeitslosigkeit konstant geblieben sei. Die Unterauslastung am Arbeitsmarkt habe sich unter dem Strich etwas verringert. Die Inflation liege nach wie vor unterhalb des längerfristigen Fed-Ziels von zwei Prozent.

Ausgewogene Wachstumsrisiken.

Der geldpolitische Ausschuss FOMC gehe davon aus, dass Zinsanhebungen erst dann angemessen seien, wenn sich die Arbeitsmarktlage weiter bessere und man sicher sein könne, dass sich die Inflation wieder dem Fed-Zielwert von zwei Prozent nähere, heisst es in der Erklärung.

Die Fed erwartet, dass sich das moderate Wachstum fortsetzen wird. Die Wachstumsrisiken seien in etwa ausgewogen. Die Inflation dürfte zunächst schwach bleiben, aber graduell in Richtung der Zielvorgabe steigen. Alle Entscheidungen wurden im FOMC einstimmig getroffen, es gab also keine Abweichler.

US-Börsen drehen ins Plus

Die US-Börsen bauten ihre Verluste nach dem Fed-Entscheid zunächst weiter aus, drehten aber binnen Minuten ins Plus. Alle drei grossen Indizes tendierten rund 0,2 Prozent höher. Der Dollar gab gegenüber dem Euro weiter nach. Die Gemeinschaftswährung notierte bei 1,1308 Dollar knapp 0,6 Prozent höher.

(awp/reuters/dbe)