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Serie
Final um die Weltwirtschaft: Die lähmende Wut der Verlierer

Die Wut richtet sich gegen das System: Anhänger von Donald Trump. Keystone

Viele Menschen fühlen sich von der Wirtschaft abgehängt. Die Industrieländer stehen vor einer Herkulesaufgabe. Vierter Beitrag einer fünfteiligen Serie.

Von Simon Schmid
am 30.09.2016

Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich. Diese Idee spornt Menschen auf der ganzen Welt zur Arbeit an - und sicherte in den Industrieländern lange den Zusammenhalt. Es ging aufwärts, und zwar für alle. Doch damit ist es vorbei. "Ärmer als ihre Eltern" seien grosse Bevölkerungsteile geworden, schreibt das McKinsey Global Institute in einer Forschungsarbeit: Zwei Drittel aller Haushalte hätten von 2005 bis 2014 stagnierende oder rückläufige Einkommen hinnehmen müssen. Dies bei gleichzeitig steigenden Spitzenlöhnen.

Auch andere Statistiken offenbaren Diskrepanzen. Etwa der Gini-Index der Ungleichverteilung (siehe Grafik). Er ist über die letzten Jahrzehnte fast in allen westlichen Ländern gestiegen. Erstaunlich ist, dass die Debatte darüber erst vor kurzem angezogen hat. Denn die grossen Umwälzungen haben schon vorher eingesetzt: Die Entwicklung seit der Finanzkrise ist bloss der i-Punkt auf einem Polarisierungsprozess, der in den 1980er-Jahren begonnen hat.

Wie kam es dazu? Der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanovic fand heraus, dass drei Trends in den letzten drei Jahrzehnten eine starke Wirkung hatten. Erstens haben Fortschritte bei der Informationstechnologie bewirkt, dass Berufe wie Programmierer auf dem Markt sehr begehrt waren, während die Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit zurückging. Zweitens hat die Globalisierung eine Heerschaar billiger Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt gespült. Dies hat einfachen Arbeitern im Westen geschadet. Drittens hat der Übergang von der Industrie-zur Dienstleistungswirtschaft den gewerkschaftlichen Organisationsgrad gesenkt. Drei Faktoren - Technik, Offenheit, Politik - haben im Zusammenspiel so zur Öffnung der Lohnschere geführt.

Dass sich daran bald etwas ändert, glaubt Milanovic nicht. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass hohe Lohneinkommen zunehmend mit grossen Kapitaleinkommen einhergehen - etwa, wenn Manager mit Aktienpaketen entlöhnt werden - dürfte die Ungleichheit weiter fördern. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen auch ihren Partner aus derselben Schicht wählen: Ingenieure heiraten seltener Verkäuferinnen und öfter Anwältinnen. Das wirkt der sozialen Durchmischung entgegen.

Schliesslich ist die Ungleichheit stärker legitimiert. Dies, weil sie «verdient» ist: Zu Karl Marx' Zeiten liessen sich Kapitalisten und Arbeiter von Auge unterscheiden. Erstere trugen einen Zylinder, Letztere hatten Schwielen an den Händen. Heute herrscht Meritokratie. Wer einen fünfstelligen Monatslohn hat, hat oft ein mühsames Studium absolviert. Das erschwert die Kritik an der Ungleichheit.

Negative Folgen fürs Wachstum

Die Entwicklung ist beunruhigend. Soziale Divergenzen lähmen das Wachstum. Dies etwa aus politischen Gründen: Es ist schwierig, Liberalisierungen und Reformen zu beschliessen, wenn viele Wähler an der Armutsgrenze leben. Politiker in einer solchen Gesellschaft stehen zudem stets unter Druck, den Konsum zu subventionieren. Die USA taten dies vor der Krise über verbilligte Hypotheken - und züchteten so eine Immobilienblase heran.

Seit dem Platzen dieser Blase ist die fehlende Kaufkraft armer Schichten einer der Hauptgründe, weshalb der Aufschwung derart schleppend verläuft. Hier liegt der ökonomische Problemaspekt von grosser Ungleichheit: Firmen tätigen zu wenig Investitionen, wenn zu viel Geld bei den Wohlhabenden liegt - bei Leuten, die das Geld lieber sparen als ausgeben wollen.

Ungleichheit
Wie kam es zum Problem?
Drei Gründe sind für den Anstieg der Ungleichheit verantwortlich: Der technologische Wandel, die Globalisierung und die Politik. Die Finanzkrise hat die Situation zusätzlich verschärft.
Welche Lösungen gibt es?
Betont wird erschwingliche Bildung. Hilfreich ist eine intakte soziale Infrastruktur zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wirtschaftliche Abschottung hilft nur bedingt, um Ungleichheiten zu mindern.
Wer wird die Kosten tragen?
Öffentliche Dienste wie Bildung und Gesundheit lassen sich über höhere Steuern für Spitzenverdiener, über Erbschaftssteuern oder andere Steuern, welche nicht verzerrend wirken, finanzieren. Bleibt die Ungleichheit hoch, leidet das Wirtschaftswachstum. Das trifft die ganze Gesellschaft.

Die OECD spricht bereits von einem «Nexus» aus hoher Ungleichheit und tiefem Produktivitätswachstum. Das eine befördert das andere - ein Teufelskreis aus Armut und Verkrustung entsteht.

In der Schweiz sei die Einkommensungleichheit zwar weniger ausgeprägt als anderswo, sagt die in Luxemburg forschende Ökonomin Isabel Martinez. Ein Problem ortet sie jedoch bei der geringen Mobilität: Es sei in den letzten Jahrzehnten nicht einfacher geworden, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen.

Wie durchlässig die Einkommensschichten in der Schweiz sind, beschreibt Isabel Martinez in diesem Beitrag: Einmal Tellerwäscher, immer Tellerwäscher.

Frust wendet sich gegen das System

Was tun? Technologieforscher wie Erik Brynjolfsson vom Massachusetts Institute of Technology glauben, dass Bildung entscheidend ist: Nur wenn alle Schichten ausreichend Zugang dazu hätten, könne die Kluft zwischen sophistizierten Hochlohnjobs und einfachen Tätigkeiten verringert werden. Das nötige Geld für ein leistungsstarkes, öffentliches Bildungswesen müsse dort genommen werden, wo es ökonomisch am wenigsten wehtue, sagt Brynjolfsson: Etwa bei digitalen Superstars wie Mark Zuckerberg, der als Gründer von Facebook ein Milliardenvermögen gemacht hat - mit viel Eigenmotivation und mit der nötigen Portion Glück.

Die Ökonomen von McKinsey betonen zudem die Gesundheit. Mangelndes Geld für den Arzt soll Arbeitskräfte nicht daran hindern, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Wer wenig verdient, dem wird bereits heute geholfen. Staaten wie die USA oder Frankreich haben in den vergangenen zehn Jahren mittels Umverteilung dafür gesorgt, dass die Verluste von Tieflöhnern teilweise wieder wettgemacht wurden (siehe Grafik). Offenbar genügt dies jedoch nicht.

Die Wut der Verzweifelten ist gross. Und sie richtet sich zunehmend gegen das System. Davon zeugt der Aufstieg von Politikern wie Donald Trump. Seine Anhänger wollen, dass er das Rad zurückdreht: Bei der Ungleichheit und der Globalisierung. Was dies für Folgen hat, bespricht der letzte Teil dieser Serie.

Acht Jahre nach der Finanzkrise stockt die Konjunktur noch immer. Die Industrieländer sind mit tiefgreifenden, ungelösten Problemen konfrontiert. In einer fünfteiligen Serie beleuchtet die «Handelszeitung», was die Ursachen und Auswege aus der Misere sind. Lesen Sie in den kommenden Tagen Teil 5 zur Krise der Globalisierung. Bisher erschienen:

Teil 1 zu den Zinsen: Warum das Geld nichts mehr abwirft

Teil 2 zu den Schulden: Wie wir die Schulden wieder senken

Teil 3 zur Währungsunion: Die letzte Chance für den Euro

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