Die zentral gelegene Plaza de la República in Guatemala-Stadt platzte förmlich aus allen Nähten. Gut 20'000 Demonstranten forderten mit ohrenbetäubendem Lärm und blau-weisse Nationalflaggen schwenkend den Rücktritt des Präsidenten. Zugleich etwa 2500 Kilometer weiter südlich: In Venezuela zog es tausende weiss gekleideter Bürger auf die Strasse. Sie verlangten Neuwahlen und die Freilassung politischer Gefangener.

Beides fand statt am 30. Mai, aber in Lateinamerika sind vergleichbare Proteste nahezu an der Tagesordnung.

Kurz zuvor setzte die Regierung in Peru Spezialkräfte der Polizei gegen Demonstranten in der südlichen Grossstadt Arequipa ein und liess Schulen schliessen. Die Gegner eines Minenprojekts mussten sich mit feuchten Kopftüchern gegen das Tränengas wappnen.

Wirtschaftsboom überdeckte Ärger

Von Mexiko im Norden bis Chile im Süden hat Lateinamerika eine Protestwelle erfasst. Von Skandalen, stagnierender Wirtschaft, gebrochenen Wahlversprechen und inkompetenten Regierungen frustrierte Bürger zieht es vermehrt auf die Strassen. Nicht selten richtet sich der Protest gegen erst kürzlich gewählte, oft extrem populistische Politiker, die in den letzten Jahren als Hoffnungsträger galten. Derzeit endet überdies ein jahrelanger Wirtschaftsboom, vornehmlich getrieben von gestiegenen Erträgen aus dem Rohstoffexport. Die Regierungen vergaben üppige Sozialleistungen, was die weit verbreitete Korruption nur kaschierte.

«Das Wirtschaftwachstum in den letzten zehn Jahren und in vielen Fällen neue Parteien an der Regierung haben den tief sitzenden Ärger in der Bevölkerung überdeckt», sagt der Assistenzprofessor Chris Sabatini von der Columbia Universität.

Mit einer wesentlich breiteren Mitteklasse - alleine zwischen 2000 und 2010 schafften geschätzte 49 Millionen Südamerikaner den Weg aus der Armut - stiegen auch die Ansprüche an die politische Klasse, sagt der Geopolitikexperte Claudio Loser, der früher beim Weltwährungsfonds IWF tätig war. Die grassierende Korruption sei ein Dauerproblem in der Region, das eine sich emanziperende Mittelschicht aber immer weniger toleriere. Sie poche auf die schärfere Bekämpfung illegalen Verhaltens.

Erodierende Staatsfinanzen begrenzen nun den Spielraum für Ausgaben, was der Region derzeit eine besonders schwierige Phase bringe, sagt der stellvertretende Chefökonom Daniel Lederman für Lateinamerika bei der Weltbank.

Auch Finanzmärkte reagieren negativ

Das zeigt sich auch am Zustand der Finanzmärkte. Der brasilianische Real hat seit Jahresbeginn um 14 Prozent abgewertet - Rekord unter den 16 wichtigsten Währungen. Ausländische Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik sind im letzten Jahr um 16 Prozent eingebrochen, wie die UN berichtete, und damit mehr als doppelt so stark wie im Rest der Welt. Für die Region prognostiziert der IWF ein BIP-Wachstum von gerade 0,9 Prozent. Das langsamere Wachstum in China werde zudem die Rohstoffpreise deckeln. Es leiden die Kupferminen in Chile, die Sojabohnenbauern in Argentinien und das extrem vom Rohölexport abhängige Venezuela.

Unterdessen hat die wiedergewählte brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff die Leitzinsen erhöht und die Staatsausgaben gekürzt. Im Wahlkampf hatte sie bei ihrem Gegenkandidaten genau diese Massnahmen als Risiko für die Wirtschaft bezeichnet. Erschüttert wird das Land, in dem Proteste gegen die Investitionen im Zuge der Fussball- Weltmeisterschaft bereits seit Jahren etliche Brasilianer protestieren lassen, zudem von einem Korruptionssskandal um den Ölkonzern Petroleo Brasileiro SA.

Ansprüche wachsen

Vor rund einer Generation hatten viele Lateinamerikaner in Ländern, die sich gerade von Bürgerkriegen oder Diktaturen erholten, andere Erwartungen und Forderungen an ihre Regierungen. Seither haben die Bürger neue Vorstellungen und Ansprüche an die Politik entwickelt, sagt Loser. Alleine in dieser Hinsicht bedeuteten die derzeitigen Proteste einen echten Fortschritt.

«Es wird einen Transparenzschub in der Mehrheit der südamerikanischen Länder geben, weil die wachsende Mittelklasse danach verlangt», sagt Experte Lederman von der Weltbank voraus. Das gelte vor allem für die beiden grossen Länder Chile und Brasilien, «aber das gilt für alle Lateinamerikaner, die in einer Demokratie leben. Mehr Transparenz in der Politik ist nicht aufschiebbar».

(bloomberg/chb)

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