In kaum einem anderen entwickelten Land rund um den Globus sind weniger Menschen ohne Beschäftigung: Bei nur 3,2 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz heute – nach gängigen Kriterien herrscht damit Vollbeschäftigung. Doch der Blick hinter diese Zahl verrät: Der Schweizer Arbeitsmarkt wandelt sich gerade dramatisch.

In einigen Bereichen entstehen seit Monaten keine neuen Jobs mehr, in anderen wird händeringend nach neuem Personal gesucht. Oft passen die Arbeitslosen nicht zu den Stellen, welche besetzt werden müssen. Das haben die Wirtschaftsforscher der Zürcher Konjunkturforschungsstelle Kof herausgefunden. «Es gibt einige Indizien, dass die strukturellen Probleme auf dem Schweizer Arbeitsmarkt zunehmen», sagt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte bei der Kof. «Die Gefahr einer zunehmenden Langzeitarbeitslosigkeit wächst in der Schweiz.»

Seco-Experte: «Beschäftigungsaufbau auf wenige Branchen beschränkt»

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Dabei wurden in den vergangenen Jahren paradoxerweise sogar vergleichsweise viele Stellen geschaffen: Nach in dieser Woche veröffentlichten Daten der Kof stieg die Zahl der Erwerbstätigen von 2005 bis 2012 um 12,7 Prozent – trotz weltweiter Finanzkrise und Schweizer Rezession in dieser Zeit. Zum Vergleich: Von 1991 bis 2005 legte diese Zahl lediglich um 3,7 Prozent zu. Doch trotz dieses starken Stellenaufbaus stieg die Zahl der registrierten Arbeitslosen seit Mitte 2011 kontinuierlich an – um fast 17 Prozent auf 130'000 Personen.

In der Industrie sinkt die Beschäftigung seit knapp einem Jahr wieder, obwohl die Wirtschaft insgesamt wächst. «Der Beschäftigungsaufbau ist nur auf wenige Branchen beschränkt», sagt Bernhard Weber, der als stellvertretender Bereichsleiter beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) den Schweizer Arbeitsmarkt analysiert.

Für handelszeitung.ch hat er ausgewertet, in welchen Branchen die Beschäftigung seit der Finanzkrise stark zugenommen hat – und welche Bereiche die grossen Verlierer sind. Das Ergebnis: «Zwei Drittel des Beschäftigungsaufbaus kommen hierzulande aus den staatsnahen Bereichen», sagt Weber. Gemeint sind damit die Bereiche Gesundheit, Verwaltung und Bildung. Im Frühjahr 2013 arbeiteten dort knapp 700'000 Menschen – fast 15 Prozent mehr als vor Ausbruch der Finanzkrise im Frühjahr 2008. Damit sind inzwischen 22 Prozent aller vollzeitbeschäftgten Arbeitnehmer in der Schweiz in diesen Bereichen beschäftigt.

Im Gesundheitswesen arbeiten 17 Prozent mehr Menschen als vor der Finanzkrise

Im Gesundheits- und Sozialwesen stieg die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren nach Seco-Auswertung um 17 Prozent – also fast ein Fünftel. Diese Branche ist nach dem Handel der zweitwichtigste Arbeitgeber im Dienstleistungssektor. Insgesamt legte die Beschäftigung im sogenannten tertiären Sektor seit Ausbruch der Finanzkrise um gut sieben Prozent zu, so Seco-Experte Weber.

An Bedeutung verloren hat seit der Finanzkrise hingegen der sekundäre Sektor. Im verarbeitenden Gewerbe ist der Beschäftigungsschwund besonders stark: Arbeiteten im Frühjahr 2008 noch 653'000 Menschen dort, sind es heute nur noch knapp 620'000 – ein Minus von über fünf Prozent. In einigen Teilen der Industrie liegt der Beschäftigungsrückgang in dieser Zeit gar im zweistelligen Bereich, so etwa bei den Maschinenbauern (minus 12 Prozent) und in der Textilindustrie (minus 21 Prozent). Doch es gibt auch im sekundären Sektor – wenn auch sehr wenige – Gewinner: Dank des Booms am Bau arbeiten dort heute rund 6 Prozent mehr Menschen als noch 2008.

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Abgebaute Stellen in der Industrie womöglich für immer verloren

Nach Ansicht von Kof-Experte Siegenthaler ist mit einer Rückkehr der Industrie zu früheren Hochständen nicht so schnell zu rechnen. «Nur wenn es zu einem substanziellen und breitgefächerten Aufschwung in der Weltwirtschaft kommen würde, besteht die Möglichkeit, dass die Industrie die in der Finanz- und Eurokrise entlassenen Menschen in näherer Zukunft wieder anstellt», sagt er.

Gut möglich allerdings, dass die abgebauten Jobs in der Industrie für immer verloren sind. Seit rund zwei Jahrezehnten sinkt die Zahl der Arbeitnehmer im verarbeitenden Gewerbe kontinuierlich. Anfang der 1990er Jahre waren dort noch fast 800'000 Menschen beschäftigt. Nach der langen Krise Mitte der 1990er Jahre dauerte es bis ins Jahr 2000 bis der Beschäftigungsschwund aufgehalten werden konnte. Die alten Niveaus wurden jedoch nie wieder erreicht – selbst im kräftigen Aufschwung kurz vor der Finanzkrise 2007/08 nicht.