Wie sagt auch schon wieder das Sprichwort: «Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.» Selten wird die Frage gestellt: «Wie lange nicht?» Angesichts der Fiskalprobleme in den USA und in Europa könnte das aber eine für die Weltwirtschaft entscheidende Frage sein.

Regelmässige Leser dieser Kolumne wissen es: Das Stichwort «Euro-Krise» löst beim Autor dieser Zeilen Kopfschütteln aus. Auch im vierten Jahr dieser sogenannten Krise gibt es den Euro trotz gegenteiliger Prognose seiner Gegner immer noch.

Der Euro weist in den nun ­beinahe fünfzehn Jahren seines Bestehens ­ordentliche statistische Werte auf. Mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,2 Prozent pro Jahr war er beinahe so preisstabil wie früher die Deutsche Mark. Das Pro-Kopf-Wachstum lag mit 0,9 Prozent pro Jahr in etwa auf gleicher Höhe wie in anderen Industrienationen.

«Nicht optimal» bedeutet nichtautomatisch «nicht überlebensfähig»

Von Krisenwerten also keine Rede. Damit auch das noch einmal gesagt ist: Natürlich ist der Euro im Sinne der Wirtschaftstheorie eine Fehlkonstruktion! Er entspricht nicht den ­gängigen Vorstellungen eines optimalen Währungsraumes, und seine Institutionen sind ­gelinde gesagt verbesserungsfähig. Nur, tut das genau betrachtet keine Währung.

Von Alaska bis Arizona, vom Puschlav bis Zug oder früher von Ostfriesland bis Stuttgart sind die Strukturunterschiede wohl ähnlich gross wie heute ­innerhalb der Euro-Zone. Was viele Kommentatoren aber übersehen, ist, dass «nicht optimal» nicht automatisch «nicht überlebens­fähig» bedeutet.

Interessant ist, dass die Finanzmärkte sich von der allgemeinen Hysterie um den Untergang des Euro nicht haben anstecken lassen. So hat der Euro seit seiner Einführung handels­gewichtet um gut 1 Prozent pro Jahr zugelegt. Das ist mehr, als die Inflationsdifferenz suggerieren würde, er hat also nicht nur nominal, sondern auch real an Wert gewonnen. Bei seiner Einführung kostete ein Euro 1.18 Dollar, heute sind es 1.37. Übrigens lag der Euro zu ­keinem Zeitpunkt der «Euro-Krise» unter ­seinem Einführungswert.

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Warum die öffentliche Diskussion sich an diesem Thema so an der wirtschaftlichen Realität vorbei aufbauen konnte, ist schwer zu ­verstehen. Eine komplizierte Gemengelage zwischen den immer noch unversöhnlich ­gestimmten Gegnern der Einführung des Euro, einer seit dem Beginn der 1990er-Jahre wachsenden angelsächsischen Angst um eine Konkurrenz für den Dollar als Leitwährung und ­einer allgemeinen Verunsicherung im Rahmen der Banken- und Staatsfinanzkrise bildet vielleicht die drei wichtigsten Gründe. Aber auch Profilierungssucht von sogenannten Experten und die ewige Nachfrage der Öffentlichkeit und damit der Medien nach «Storys» spielen hier eine wichtige Rolle.

Legende der «Euro-Krise» hat viele Unternehmer verunsichert

Ungefährlich sind diese Phänomene nicht. Immerhin fällen Unternehmer und Politiker wichtige Entscheide auch aufgrund der Informationen, die sie von der Öffentlichkeit erhalten. Der mit der Verbreitung der Theorien zur «Euro-Krise» implizite Rat, einen Bogen um Europa zu machen, wird von vielen Unternehmern gehört und zumindest in Teilen ernst ­genommen worden sein.

Damit hat sich wohl auch die im Rahmen der geplatzten Immobi­lienblasen, der Banken- und in Teilen Europas der Staatsfinanzkrise eh schon arg strapazierte Konjunktur der Euro-Zone wohl nicht verbessert. Viele Unternehmen haben damit schlicht und einfach Zeit verloren, sich im mit 17 Prozent des Welteinkommens zweitgrössten Wirtschaftsraum der Euro-Zone besser zu positionieren.

Wer als Anleger sich darüber hinaus durch das Euro-Krisen-Gerede dazu hat überreden lassen, bei internationaler Diversifikation vermehrt dem Dollar zu vertrauen, hat vielleicht einen doppelten Fehler begangen. Nicht nur rentieren Aktien und Obligationenanlagen in den USA seit mehr als einem Jahr deutlich schlechter als Euro-Anlagen. Die Gefahr, dass sich die Lage in Amerika zuspitzen könnte, ist erheblich.

Ende des Verschuldungsanstiegs nicht in Sicht

Wie prekär die wirtschaftspolitische Lage der USA mittlerweile ist, ist auch nach der Budget- und Schuldendiskussion der vergangenen Wochen vielen Menschen nicht bewusst. Die Staatsverschuldung ist seit dem Beginn der ­Finanzkrise dramatisch angestiegen: Lag die Bruttoverschuldung des Gesamtstaates einschliesslich der Sozialversicherungen im Jahr 2007 noch bei 66 Prozent des Volkseinkommens, liegen wir heute bei 109 Prozent und damit über dem Wert der Euro-Zone. 

Auch das Budgetdefizit der Amerikaner ist mittlerweile strukturell um über drei Prozentpunkte grösser als das der Euro-Zone. Mit anderen Worten: Ein Ende des Verschuldungsanstiegs ist trotz aller Propaganda nicht in Sicht.

Auch bei der Geldpolitik haben sich die USA in den letzten Jahren zunehmend in die Ecke manövriert. Heute liegt die Bilanzsumme der US-Notenbank (Fed) bei gut dem Fünffachen der Grösse vor Beginn der Finanzkrise. Die ­immer noch mit Voll-Last gefahrenen Aufkaufprogramme für Staats- und Hypothekenanleihen haben darüber hinaus eine Risikoposition in der Notenbankbilanz entstehen lassen, die wohl nicht mehr beherrschbar ist.

Dollar verliert an Wert

Gut 3000 Milliarden Dollar langlaufender Obligationen hat die Fed mittlerweile angesammelt. Der Wert dieser Anlagen hängt dabei direkt an der Zinsentwicklung. Der Zinsanstieg dieses Sommers hat dann auch die US-Notenbank vier Fünftel ihres Eigenkapitals gekostet. Grobe Schätzungen zeigen, dass ab einem Kapitalmarktzins von 3,25 Prozent die amerikanische Notenbank ein negatives Eigenkapital ausweisen müsste.

Während die Europäische Zentralbank (EZB) in der Krise mit nur der Hälfte der Geldmengenausweitung zurechtgekommen ist und mittlerweile bereits wieder einen Viertel der Basisgeldmenge abgeschöpft hat, druckt die Fed aber fröhlich weiter. Die Diskussionen um eine Verlangsamung des Expansionstempos der Geldpolitik in diesem Sommer haben es deutlich gemacht: Ohne dauerhafte Stimulierung scheint in Amerika nichts mehr zu gehen. Mit aber wohl auch nicht, denn in den letzten Monaten hat der Dollar sukzessive an Wert ­verloren.

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Der faule Kompromiss in den USAverheisst nichts Gutes

Dass der faule Fiskalkompromiss der vergangenen Woche, den Zeitpunkt über ernsthafte Sparmassnahmen zu beschliessen mitten auf die Zeit vertagt hat, in der die Fed ihr Gelddrucken verlangsamen wollte, und dass das auch noch der Zeitpunkt des Vorwahlkampfes für den Kongress ist, lässt für das kommende Frühjahr nichts Gutes erwarten. Dauerstreit um Staatsverschuldung, ideologische Grabenkämpfe und wachsende Geldmengen sind das Rezept, aus dem Währungskrisen ­gemacht werden. Und zwar nicht imaginäre, sondern reale!

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.