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Erholung
Frankenkurs: Schweizer Rezessionsangst verpufft

Der Franken hat gegenüber Euro und Dollar deutlich an Wert verloren. Kaum ein Experte rechnet noch mit einer Rezession in der Schweiz. Doch der Jobabbau in der Industrie könnte sich verschärfen.

Von Mathias Ohanian
am 13.03.2015

Die Panik nach dem 15. Januar war gross. Doch zwei Monate nach der Aufgabe des Mindestkurses erreicht der Frankenkurs gegenüber den beiden wichtigsten Währungen der Welt langsam wieder bekannte Niveaus. Entsprechend wächst auch bei Konjunkturauguren der Optimismus. Kaum ein Experte rechnet noch mit einer Rezession, also einem Rückgang der Wirtschaftskraft in zwei Quartalen hintereinander.

Allenfalls in einem Quartal könnte die Schweizer Wirtschaft 2015 leicht schrumpfen, glaubt Oliver Adler, Chefökonom Schweiz bei der Credit Suisse. Darauf deute die hauseigene Umfrage unter Einkäufern in der Industrie hin, die gesunkene Neuaufträge zeigten. «Doch insgesamt rechnen wir für dieses Jahr mit einem moderaten Anstieg der Wirtschaftsleistung», so der Konjunkturexperte.

1 Prozent Plus statt Minus in diesem Jahr

Mit ihrer Einschätzung steht die Grossbank nicht allein. Der in den vergangenen Wochen vielerorts herrschende Pessimismus verflüchtigt sich allmählich. So rechnet das Konjunkturforschungsinstitut Bak Basel nun mit einem Anstieg des Bruttoinlandprodukts um 1 Prozent in diesem Jahr. Zum Vergleich: Kurz nach Ende des Mindestkurses hatten die Basler noch eine Rezession mit einem Jahresminus um 0,2 Prozent vorhergesagt.

Entscheidend für die besseren Aussichten: Der Franken verliert gegenüber Dollar und Euro zunehmend an Wert. Erstmals seit der Aufgabe der Mindestkurspolitik kostete ein Dollar in dieser Woche erstmals wieder mehr als ein Franken. Damit hat die US-Währung praktisch alle Verluste wettgemacht, die sie im Zuge der geldpolitischen Kehrtwende erlitt. «Dass der Dollar jüngst an Stärke gewinnt, hilft der Schweizer Exportwirtschaft insgesamt, primär aber den grösseren Unternehmen, die eine starke Position im Dollarraum haben», sagt Credit-Suisse Experte Adler.

Grosskonzerne profitieren von Dollarstärke

Pharma-Firmen, Medtech-Unternehmen, Grossbanken und Luxusgüterunternehmen sind die grossen Profiteure von einem starken Dollar. Roche etwa erwirtschaftet rund 40 Prozent des Umsatzes in Nordamerika. Ähnlich verhält es sich bei Novartis, Actelion und beim Hörgerätehersteller Sonova.

Daneben fällt die Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro weitaus schwächer aus, als zunächst befürchtet. Im Vergleich zur Zeit des Mindestkurses Anfang 2015 hat der Franken gegenüber der Gemeinschaftswährung bis heute rund 10 Prozent aufgewertet. Mit einem Eurokurs von 1.07 Franken ist man inzwischen weit von der Ende Januar herrschenden Parität entfernt.

«Frankenkurs ist für viele Firmen zu bewältigen»

«Das ist im normalen Schwankungsbereich von Währungen und hat noch nie eine Konjunktur abgewürgt», sagt deshalb Didier Borowski, Chefökonom des Pariser Vermögenverwalters Amundi. Den Pessimismus mit Blick auf die Schweizer Wirtschaft hält er deshalb für übertrieben. «Der aktuelle Frankenkurs ist für viele Schweizer Firmen durchaus zu bewältigen.»

Ebenfalls Positiv: «Die Zuwanderung und die durch Aufwertung und Preisrückgänge gestärkte Kaufkraft der Konsumenten stützen die Binnenwirtschaft», sagt Credit-Suisse-Chefökonom Adler. Gleichzeitig warnt er jedoch: «Viele Grossunternehmen können zwar mit einem Eurokurs von 1.10 Franken gut leben, aber für viele Industrie-KMUs ist dieser Wert schwieriger zu verkraften.»

Stellenabbau in der Industrie

Entsprechend rechnet er damit, dass die Frankenaufwertung «zu einer Fortsetzung des schon lange in Gang befindlichen Trends zum Stellenabbau in der Industrie beitragen wird.» Hinweise für einen markanten Anstieg der Kurzarbeit oder gar Entlassungen sieht Adler jedoch nicht.

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