Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am 15. Januar 2015 einen Paukenschlag gemacht, indem sie den Euro-Mindestkurs nach gut drei Jahren aufhob. Der folgende Frankenschock schüttelte die Schweizer Wirtschaft durch. Tausende von Stellen gingen verloren, Tausende werden noch folgen.

«Am 15. Januar wurden Produkte der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) von einem Moment auf den anderen in ihren wichtigsten Märkten um gut 20 Prozent teurer», sagt Sprecher Ivo Zimmermann vom Branchenverband Swissmem auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «Mehr als zwei Drittel der Unternehmen haben die Preise gesenkt, damit sie nicht aus dem Markt eliminiert werden», sagt er.

Das habe die Margen weggefressen. Ein Drittel der Firmen erwarte deswegen in diesem Jahr einen Verlust. Deshalb griff eine Reihe von Unternehmen zu Stellenabbau oder Produktionsverlagerungen an Tiefkostenstandorte. Insgesamt habe es von Februar bis November aus konjunkturellen Gründen 10'000 Arbeitslose mehr gegeben, sagt Sprecher Fabian Maienfisch vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Allerdings sei der Frankenkurs nur ein Bestandteil der konjunkturellen Gründe.

Arbeitslosigkeit geht lange nicht zurück

Bis Mitte des nächsten Jahres werde die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt bleiben, sagt Maienfisch. «Der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit wird bei 3,6 Prozent erreicht sein und erst in der zweiten Hälfte 2016 erwarten wir einen allmählichen Rückgang», prognostizierte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco in einer der letzten Telefonkonferenzen zur Situation auf dem Arbeitsmarkt. Derzeit liegt die Arbeitslosenquote bei 3,4 Prozent.

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Die Gewerkschaft Unia hat zusammengestellt, wie 230 Schweizer Unternehmen der MEM-, Chemie- und Lebensmittelindustrie sowie des Detailhandels seit Januar auf den starken Franken reagiert haben: 105 davon haben Kurzarbeit eingeführt, 65 haben die Löhne gesenkt und 60 haben Stellen abgebaut.

Bereits 6500 Stellen abgebaut

«Die Strategie war, so die Preise zu senken und kleinere Margen in Kauf zu nehmen, dabei jedoch die Produktionsauslastung beizubehalten», sagt Unia-Ökonom Beat Baumann. Diese Strategien seien nun ausgeschöpft. Deshalb sei zu erwarten, dass in Zukunft noch mehr Arbeitsplätze abgebaut und ausgelagert würden.

«Gemäss unseren Informationen sind seit Januar bereits rund 6500 Stellen abgebaut worden oder werden demnächst abgebaut», sagt der Gewerkschaftsökonom. Betroffen sind vor allem Arbeitsplätze in der industriellen Produktion. Doch auch im Dienstleistungssektor, etwa im Bergtourismus und beim Detailhandel würden schleichend Stellen gestrichen. Bis zum Höhepunkt der Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr könnten nochmals bis zu 10'000 Stellen abgebaut werden, sagt UBS-Ökonom Dominik Studer. Der Arbeitsmarkt reagiere immer erst mit einer gewissen Verzögerung auf die Wirtschaftsentwicklung.

Ausbluten der Beschäftigung in der Exportindustrie

Laut Credit-Suisse-Ökonom Claude Maurer handelt es sich um ein Ausbluten der Beschäftigung in der Exportindustrie: «Das frisst sich langsam in die Binnenwirtschaft hinein.» In der Industrie werden schon seit Jahren Stellen abgebaut. «Bis 2030 dürften nochmals 100'000 Arbeitsplätze verschwinden», sagt Maurer. Aber die Gesamtbeschäftigung wird bis 2030 steigen vor allem dank dem Gesundheitswesen und den staatsnahen Betrieben. «Das Gesamtbild sieht nicht schlecht aus, der Unterschied zwischen den einzelnen Branchen ist aber relativ gross.»

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SNB-Chef Thomas Jordan sieht bereits das Schlimmste hinter uns: «Wir gehen weiterhin davon aus, dass sich die Wirtschaft langsam erholen wird», sagte er bei der letzten geldpolitischen Lagebeurteilung der SNB. Die Massnahmen der Unternehmen zur Senkung der Produktionskosten und zur Effizienzsteigerung würden nun erste Wirkungen zeigen. «Für das Jahr 2016 erwarten wir insgesamt ein Wachstum von rund 1,5 Prozent.» Die Schweizer Wirtschaft durchlaufe im Moment eine gewisse Durststrecke.

Konsum sollte eine Stütze der Wirtschaft bleiben

«Aber auch wenn die Frankenstärke Spuren hinterlässt, glauben wir nicht an eine Deindustrialisierung in der Schweiz», sagt Swissmem-Sprecher Zimmermann. Die meisten Unternehmen würden einen Weg aus der schwierigen Lage finden. Gewinner der Frankenstärke sind die Konsumenten dank tieferer Konsumentenpreise, wie UBS-Ökonom Studer sagt: «Dadurch können wir uns mit unserem Lohn mehr leisten.» Der Konsum sollte eine Stütze der Wirtschaft bleiben, auch wenn die Arbeitslosigkeit in nächster Zeit anziehen dürfte.

Und so fordern angesichts der Lage die Gewerkschaften und Vertreter des stark getroffenen Tourismus einen neuen Mindestkurs. Die Bergbahnen Graubünden plädieren für eine Kursuntergrenze zum Euro von 1,15 Franken. Wenn die Wirtschaft in eine Rezession rutschen sollte, wäre ein neuer Mindestkurs denkbar, allerdings nicht mehr bei 1,20 Franken sondern tiefer, sagt CS-Ökonom Maurer: «Eine Rezession ist aber im Moment nicht der Fall.»

Instrument Mindestkurs «verbrannt»

Andere sehen das skeptischer. Die Frage ist, ob ein neuer Mindestkurs überhaupt noch durchsetzbar wäre, sagt UBS-Ökonom Studer: «Unserer Ansicht nach ist das Instrument Mindestkurs nach der überraschenden Aufgabe vom Januar verbrannt. Ein neuer Mindestkurs von beispielsweise 1,10 Franken wäre nicht glaubwürdig und würde am Markt getestet.» Die SNB müsste wahrscheinlich stark intervenieren, um einen neuen Mindestkurs aufrecht zu erhalten.

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Auch Swissmem fordert keinen neuen Mindestkurs. «Wir erwarten aber von der SNB, dass sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, um den Franken zu schwächen», sagt Zimmermann. Durch einen Mindestkurs würde man zwar Zeit gewinnen, sagt Direktor Oliver Müller vom Industrieverband Swissmechanic: «Aber ich sehe nicht, wofür diese Zeit genützt werden könnte.» Eine Kostensenkung um 10 Prozent in der Schweiz würde mehr bringen als ein neuer Mindestkurs.

(sda/gku)