Die Euro-Krise ist wie Fliegen. Dieses Flugzeug hat «acht Notausgänge, sie sind mit dem Wort EXIT gekennzeichnet», säuselt der Maître de Cabine vor dem Start. Den Weg zu den Notausgängen «zeigen Leuchtmarkierungen am Boden». In der Kabine hören sich alle brav die Mär vom machbaren Ausstieg an. Dabei wissen Passagiere und Personal längst, dass hier im Ernstfall keiner so einfach rausspaziert.

Im trudelnden Euro-Jumbo schauen sich nun die Schweizer verzweifelt nach den magischen vier Buchstaben um. So manchen dämmert es, dass sie sich beim Einsteigen keine Gedanken darüber gemacht haben, wie gefährlich die Reise werden könnte. Vergangenen September sah es noch kinderleicht aus. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte beschlossen, den Franken bei einem Mindestkurs von 1.20 faktisch an den Euro zu binden. Warner waren da kaum zu hören. Die währungsbedingten Verluste der Exportindustrie wogen als Argument schwerer. Die SNB opferte politisch abgestützt ihre Unabhängigkeit. Sie verknüpfte das Schicksal ihrer Bilanz mit den Wirren um den Euro.

Die Frage nach einer Exit-Strategie liess sich gut verdrängen

Die Frage nach einer Exit-Strategie liess sich gut verdrängen. Denn die SNB musste anfänglich kaum Euros kaufen, um den Frankenkurs zu sichern. Marktkenner lobten den Ruf der SNB. Vor deren Entschlossenheit würde jeder Hedgefondsmanager einknicken. Doch es war nur eine Frage von ein paar Monaten, bis die Euro-Krise erneut eskalieren und die Zeitbombe Mindestkurs explodieren würde. Die SNB-Spitze wusste das nur zu gut. Dabei fürchteten sich die Währungshüter nie vor den Spekulanten. Mit ein paar Milliarden Dollar Vermögen bringen selbst die Devisenzocker des weltweit grössten Fonds FX Concepts zu wenig auf die Waage, um eine Nationalbank in die Knie zu zwingen. Vielmehr ging es um die Gefahr, dass eine Kernschmelze in der Euro-Zone eine neue Massenflucht in den Franken auslösen würde.

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Keiner konnte das besser einschätzen als der neue SNB-Präsident Thomas Jordan. Bereits in seiner Dissertation von 1994 hatte er die Währungsunion schonungslos zerpflückt. Bei schwerwiegenden Problemen eines Mitgliedstaates werde die Gemeinschaft, «die ihrem Wesen nach eben eine Solidargemeinschaft ist, nicht darum herumkommen, finanziellen Beistand zu leisten».

Währungspolitik eignet sich nicht für hysterische Schnellschüsse

Jetzt ist es so weit. Nach Griechenland brennt Spanien. Und während die SNB Milliarden für die Verteidigung des Frankens einsetzen muss, haben fahrlässige Forderungen Konjunktur. Noch vor wenigen Wochen hatten Ich-habe-überall-den-Durchblick-Experten eine Erhöhung der Untergrenze gefordert. Anfang Mai verlangte etwa die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes eine Anhebung des Mindestkurses auf 1.40, obwohl es in Griechenland bereits wieder brannte. Hätte die SNB diesem Druck nachgegeben, so würden die Kosten der Verteidigung heute noch deutlich höher liegen.
Neuerdings will die Linke den Kapitalmarkt abschotten. Derweil plädiert Ex-UBS-Chef Oswald «Ossi» Grübel für einen Kamikaze-Exit. Er will den Mindestkurs abschaffen und offenbar einen deflationären Schock inklusive Blutbad in der Exportindustrie in Kauf nehmen.

Währungspolitik eignet sich aber nicht für hysterische Schnellschüsse. Für eine schmerzfreie Exitstrategie ist es eh längst zu spät, umso überlegter muss sie sein. Alle Beteiligten sollten sich an ihren letzten Flug erinnern - und erst mal tief durchatmen. «Im Falle eines Druckverlustes in der Kabine werden Sauerstoffmasken über Ihrem Sitz automatisch herausgeklappt. Ziehen Sie eine Maske zu sich herunter und befestigen Sie diese mit dem Gummiband über Nase und Mund.»