Gegen einen mittelmässigen Gegner Honduras haben die Franzosen souverän mit 3:0 gewonnen. Doch wie stark das einstige Weltklasseteam tatsächlich ist, wird sich erst heute gegen die Schweizer Nati zeigen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim 17. der Fifa-Weltrangliste auseinander: Obwohl Hoffnungsträger Frank Ribery verletzungsbedingt passen muss und die Tricolore viele mässig bekannte Spieler in ihren Reihen hat, sind die Ansprüche enorm. 

Wirtschaft und Politik verhält es sich im Hexagon ähnlich: Noch im Frühjahr 2012 wollte das Volk mit François Hollande einen Sozialisten an der Spitze des Landes. Zwei Jahre später gilt dieser laut Umfragen als schlechtester Präsident der 5. Republik. Und in Brüssel will sich das Volk nun von den Rechten vertreten lassen: Die Front National erhielt bei der Europa-Wahl kürzlich ein Viertel aller Stimmen – das stärkste je erzielte Ergebnis einer antieuropäischen Partei.

Wirtschaft stagniert, Arbeitslosigkeit steigt

Wie im Fussball hat auch in der französischen Wirtschaft das Selbstbewusstsein gelitten: Während der Nachbar Deutschland wirtschaftlich obenauf ist und die Euro-Südländer tiefgreifende Reformen vollziehen, kommt die zweitgrösste Wirtschaft im Währungsraum nicht von der Stelle. Zugleich steigt die Arbeitslosigkeit. «Frankreich ist der neue kranke Mann Europas», urteilten die Ökonomen der Berenberg Bank in einer am Montag veröffentlichten Analyse.

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Diese Einschätzung lässt aufhorschen: Jahrelang galt Deutschlands Wirtschaft als verkrustet, Unternehmen investierten kaum in der grössten Volkswirtschaft des Kontinents. Die Arbeitslosigkeit stieg bis 2005 auf rund zwölf Prozent. Deshalb haftete ihr der unrühmliche Spitzname «der kranke Mann Europas» an. Erst nach den einschneidenden Hartz-Reformen und flexibleren Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Angestellten besserte sich die Lage.

Frankreichs Jobmarkt gilt als überreguliert

In Frankreich hingegen hat sich bis bis heute kaum etwas getan: Die Arbeitskosten wachsen stetig – während sie in Krisenländern wie Spanien, Portugal oder Griechenland nach hohen Reformanstrengungen bereits wieder sinken. Laut Daten der Industrieländerorganisation OECD gehört Frankreichs Jobmarkt heute zu den am stärksten regulierten der Welt. Die starke Stellung der Gewerkschaften ist den Arbeitgebern ein Dorn im Auge.

Ähnlich wie in einigen Euro-Südländern ist auch Frankreichs Jobmarkt zweigeteilt: Lange beschäftigte Mitarbeiter sind quasi unkündbar, die Jungen hingegen werden oft mit schlecht bezahlten Zeitverträgen abgespeist.

Ein weiteres Problem: Paris sind die Hände gebunden. Die Regierung hat angesichts einer Staatsverschuldung von über 95 Prozent der Wirtschaftsleistung kaum Möglichkeiten, der Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Dies gilt umso mehr, als die staatlichen Ausgaben bereits heute über 57 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen – ein unter Industriestaaaten weltweit kaum erreichter Wert. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Staatsquote bei deutlich unter 35 Prozent.

Die Krise als Chance

Doch wo eine Krise, da ist auch immer eine Chance. Hollandes Vorteil: Seine Umfragewerte sind so schlecht, dass er eigentlich nichts zu verlieren hat. Also könnte er einige unpopuläre Massnahmen anschieben. Denn die nächsten Präsidentschaftswahlen stehen in Frankreich erst 2017 an.

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