Harald Preissler ist Chefökonom der Bantleon Bank. Er sieht deutliche Fortschritte in den Krisenstaaten der Euro-Zone. Das macht Staatsanleihen aus der sogenannten Peripherie attraktiv.

Starinvestor George Soros forderte kürzlich einen Marshall-Plan zu Rettung der Euro-Zone. Zu Recht?
Harald Preissler: George Soros schlägt immer wieder Marshall-Pläne zur Lösung tiefgreifender Strukturkrisen vor. Im Endeffekt geht es aber darum, dass die Euro-Zone keinen Marshall-Plan benötigt. Die Europäische Zentralbank EZB hat mit ihrer mutigen Strategie die Märkte besänftigt und damit den Rahmen für eine bessere Lösung geschaffen.

Was meinen Sie?
Der bessere Weg für die Euro-Zone ist es, die Länder, welche den Schutzschirm in Anspruch nehmen wollen, zu einer harten Reformpolitik zu verpflichten. Letztere können sich so wirtschaftlich neu aufstellen. Dieser Weg ist schwieriger, aber er funktioniert. Das zeigen die positiven Makrodaten aus den Peripheriestaaten der Währungsgemeinschaft.

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Ist die Reformpolitik in Europa damit auf einem guten Weg?
Schon, aber der Wirtschaftsraum ist noch nicht am Ziel. Das Projekt Bankenunion dümpelt vor sich hin, auch sonst gab es zuletzt wenig Fortschritte. Es gibt aber Signale, dass es nach der Europawahl im kommenden Mai eine neue Runde von Programmen geben wird, um Europa wirtschaftlich stärker zu integrieren. Ich hoffe, dass der Reformprozess nicht einschläft und die Massnahmen der letzten zwei Jahre weitergeführt werden.

Welche Politik der Europäischen Zentralbank erscheint im aktuellen Umfeld sinnvoll?
Die Euro-Zone kann und muss sich mit der richtigen Strategie gegen einen möglichen Zinsdruck aus den USA wappnen. Denn steigende Zinsen will in Europa niemand. Dafür braucht es aber mehr als eine symbolische Leitzinssenkung der EZB. Um einen effektiven Gegenpol zu schaffen, müsste sie schon ein umfassendes Anleihenkaufprogramm aufgleisen.

Aus den Krisenstaaten der Euro-Zone kommen positive Signale. Weshalb?
Dort ist viel passiert. Es gab zuerst einen scharfen Wirtschaftseinbruch. Dieser hat zu einer hohen Arbeitslosigkeit geführt. Dadurch gerieten die Löhne unter Druck. Die Lohnstückkosten sind in den Staaten daher gesunken, vor allem in Irland, aber auch in Spanien und in Griechenland. Das führt dann zwar zu deflationären Tendenzen. Doch diese interne Abwertung ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Und das ist gelungen, was man an der kräftigen Exportkonjunktur in den Staaten ablesen kann.

Woher kommt der Aufschwung in diesen Ländern?
Die Exportquote in Portugal hat sich von weniger als 30 auf über 40 Prozent erhöht. Die Unternehmen mussten etwas tun, um zu überleben. In Italien hingegen lief die Entwicklung anders. Das Land hat sich einem harten Reformkurs bislang entzogen. Dort sind die Lohnstückkosten daher noch nicht zurückgegangen und die Exporte hinken hinterher.

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Auch Frankreich sorgt für Nervosität. Wie steht es um die Wirtschaft des EU-Kernlandes?
Frankreich hat seit Jahren auf jede kleine Krise mit der falschen Medizin reagiert – meist baute es den Staatssektor aus. Die Staatsquote liegt bei fast 60 Prozent. Das ist zu viel. Nun hat die Politik eingesehen, dass die Privatwirtschaft gestärkt werden muss. Das wird ein steiniger Weg, der zu Beginn sogar Wachstumspunkte kosten wird. An den Peripheriestaaten lässt sich indes ablesen, dass innerhalb von zwei Jahren grosse Fortschritte erzielt werden können.

Griechenland hofft, bald neue Anleihen zu platzieren. Eine Chance?
Griechenland ist de facto ein Schwellenland. Die Anleihen werden hoch verzinst – eine 10-jährige Staatsanleihe rentiert mit rund 6,5 Prozent. Es ist unklar, ob es noch einen Schuldenschnitt geben wird.

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Wo sieht es für Anleger besser aus?
Uns gefallen die anderen Peripherieländer besser. So ist Portugal schon einen Schritt weiter. Dort wird wieder darüber nachgedacht, den EU-Rettungsschirm zu verlassen.