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Finanzbranche
Fünf Jahre Nicht-Reform

Anat Admati, US-Professorin für Wirtschaftswissenschaften

Viele Politiker und Aufsichtsbehörden stellen ihre eigenen Interessen vor ihre Pflicht. Einige meinen, Banken seien etwas Besonderes - auch nach den Wirren nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Von Anat Admati
am 18.09.2013

Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers haben übergros­se Bankensektoren die irische, islän­dische und zyprische Wirtschaft zerrüttet. Die Banken in Italien, Spanien und anderswo vergeben nicht genügend Kredite. Chinas Kreditgelage verwandelt sich gerade in einen Abschwung. Kurz gesagt: Das Finanzsystem der Welt bleibt gefährlich und dysfunktional. Schlimmer noch, trotz jahrelangen Debatten gibt es keinen Konsens über die Probleme des Finanzsystems – geschweige denn darüber, wie man sie behebt. Und das scheint die politische Macht der Banken wiederzugeben.

Beispielsweise warf der britische Handelsminister Vince Cable der Aufsicht der Bank of England – die er «Kapital-Taliban» nannte – vor, die wirtschaftliche Erholung des Landes zu blockieren, indem sie den Banken übertriebene Belastungen auferlege. Cable scheint den Behauptungen der Bankenlobby Glauben zu schenken, dass Kreditvergabe und Wachstum leiden würden, wenn die Banken gezwungen wären, «ihren Eigenkapitalanteil zu erhöhen».

Derartige falsche Behauptungen ranghoher politischer Entscheidungsträger gibt es nicht nur in Grossbritannien. Das Eigenkapital der Banken ist keine Barreserve, die «beiseitegelegt» werden muss; es ist nicht verliehenes Geld, mit dem Darlehen vergeben werden können.

Gefahren der Basel-III-Regeln sind offensichtlich

Einfach ausgedrückt: Das Kreditwesen und das Wirtschaftswachstum haben seit 2007 gelitten, weil hoch verschuldete Finanzinstitute ihre Verluste nicht selbst tragen konnten. Die Regelwerke, die bei Ausbruch der Krise galten, waren ungenügend und wurden auch ungenügend durchgesetzt. Die vorgeschlagenen Basel-III-Reformen beispielsweise würden zulassen, dass die Banken bis zu 97 Prozent ihrer Vermögenswerte mit geliehenem Geld finanzieren; einige Investitionen könnten vollständig mit geliehenen Mitteln durchgeführt werden.

Die Gefahren dieses Ansatzes sollten mittlerweile offensichtlich sein. Wenn Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht bezahlen können, verlieren sie unter Umständen ihr Haus. Dasselbe gilt für Finanzinstitute, wie die Lehman-Pleite zeigte.

Fehlerhafte Vorschriften verzerren das Verhalten schwacher Banken weiter. Diese beeinflussen die Institute beispielsweise dahingehend, staatlichen Stellen Kredite zu gewähren oder in börsengängige Wertpapiere zu investieren, anstatt Unternehmen Kredite zu geben. Die Aufsichtsbehörden tolerieren schwache Banken zu häufig. Das ist kontraproduktiv.

Stattdessen müssen die Aufsichtsbehörden energische Schritte einleiten, um Zombiebanken abzuwickeln und lebensfähige Banken dazu zu verpflichten, sich bei ihrer Sanierung stärker auf den Kapitalmarkt zu verlassen, auf dem Risiken gehandelt und preislich bewertet werden. Auszahlungen an Aktieninhaber zu verbieten und von den Banken zu verlangen, ihr Kapital zu erhöhen, indem sie neue Aktien verkaufen, würde sie stützen, ohne ihre Kreditvergabefähigkeit einzuschränken. Banken, die ihre Aktien zu keinem Preis verkaufen können, sind unter Umständen zu schwach, um ohne Subventionen überleben zu können. Solche Banken sind nicht funktionsfähig und müssen abgewickelt werden.

Banken müssen Abhängigkeit vongeliehenem Geld verringern

Wenn wir sicherere und gesündere Banken wollen, führt kein Weg daran vorbei, von den Banken zu verlangen, dass sie ihre Abhängigkeit von geliehenem Geld verringern. Als Kreditgeber machen die Banken Verluste, wenn die Kreditnehmer insolvent werden. Banken selbst sind jedoch die grössten Kreditnehmer und finanzieren oft über 90 Prozent – und manchmal über 95 Prozent – ihrer Investitionen, indem sie Schulden aufnehmen.

Das Problem lässt sich anhand von Zypern verdeutlichen. Anfang 2010 investierten die zyprischen Banken einige ihrer Einlagen in grie­chische Staatsanleihen, die Zinssätze von über 10 Prozent versprachen – manchmal sogar 15 Prozent oder 20 Prozent. Solange Griechenland diese hohen Zinssätze bezahlte, konnten die zyprischen Banken ihren Sparern attraktive Zinsen zahlen, beispielsweise 4,5 Prozent, und trotzdem florieren.

Im Juli 2011 bestanden die zyprischen Banken Stresstests. Dennoch erlitten ihre griechischen Anleihen Anfang 2012 einen Wertverlust von 75 Prozent. Da die Banken ihre Investitionen mit zu wenig Eigenkapital vornahmen, wurden sie insolvent. Nachdem sie ein Jahr lang mithilfe der Europäischen Zentralbank liquide gehalten worden waren, mussten die zyprischen Banken sich ihren Verlusten stellen. Eine wurde geschlossen. Sparguthaben über 100 000 Euro erlitten Verluste. Die Steuerzahler der Euro-Zone stellten einen Rettungsfonds mit 10 Milliarden Euro bereit.

Erstaunlicherweise hatten die Aufsichtsbehörden den zypriotischen Banken die Praktiken erlaubt, die sie in Schwierigkeiten gebracht hatten. Obwohl die Investition in griechische Anleihen riskant war, was sich in den hohen Zinssätzen widerspiegelte, die die Anleihen versprachen, war die Möglichkeit eines Verlustes in den Regelwerken ausser Acht gelassen worden. Während sich die Vorteile der Risiken manifestierten, zogen Aktieninhaber und Manager ihren Nutzen aus den Gewinnen der Bank, die Politiker waren zufrieden, und die Banken wuchsen im Verhältnis zur Wirtschaft enorm.

Die vorgeschlagenen Basel-III-Vorschriften legen vollkommen unzureichende Mindest­eigenkapitalanforderungen fest und setzen bei der Anpassung der Anforderungen an das Risiko weiterhin auf einen gescheiterten Ansatz. Innerhalb der Euro-Zone können Banken jeder Regierung Kredite gewähren, für die sie ausschliesslich geliehenes Geld verwenden. Die französisch-belgische Bank Dexia ist wie die zypriotischen Banken und viele anderen seit 2008 gescheitert – respektive sie wurde gerettet, nachdem sie Verluste aufgrund riskanter Investitionen erlitt, die die Aufsichtsbehörden als sicher erachtet hatten.

Die Vorschriften scheinen allerorts auf der irrigen Vorstellung zu fussen, dass Banken «gerade genug» Kapital besitzen sollten. Kapital ist für überlebensfähige Banken nicht knapp, und die «Wissenschaft» der komplexen Risikogewichte und Stresstests ist eine gefährliche Illusion. Stattdessen sollten die Vorschriften die Anleger der Banken dazu zwingen, einen wesentlich grösseren Anteil ihres eigenen Risikos zu tragen und sich somit viel stärker um das Risikomanagement zu kümmern, um die Kollateralschäden der übermässigen Kreditaufnahme zu begrenzen.

Politiker und Aufsicht schützen noch zu häufig «ihre» Banken

Einige meinen, Banken seien etwas Besonderes, da sie die Ersparnisse der Gesellschaft verteilen und Liquidität schaffen. Zu etwas Besonderem sind die Banken dabei allerdings vor allem durch ihre Fähigkeit geworden, Glücksspiele auf Kosten anderer zu betreiben und damit davonzukommen. Nichts an ihrer Rolle als Finanzmittler rechtfertigt es, den Banken zu erlauben, die Wirtschaft so sehr zu verzerren und die Öffentlichkeit so stark zu gefährden, wie sie es tun.

Leider hat sich trotz dem gewaltigen Schaden durch die Finanzkrise wenig an der Bankenpolitik geändert. Zu viele Politiker und Aufsichtsbehörden stellen ihre eigenen Interessen und die «ihrer» Banken vor ihre Pflicht, die Steuerzahler und Bürger zu schützen. Wir müssen etwas Besseres fordern.

Anat Admati ist Professorin für Finanz- und Wirtschafts­wissenschaften an der Stanford Graduate School of Business. Sie ist (mit Martin Hellwig) Co-Autorin von «Des Bankers neue Kleider: Was bei Banken wirklich schief läuft und was sich ändern muss». © Project Syndicate, 2013

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