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Interview
«Gefahr, dass der nächste Crash noch schlimmer wird»

Luqman Arnold: «Der Hang zur Selbstüberschätzung existiert in der Finanzbranche nach wie vor.»

Luqman Arnold hat den Crash von 1987 an vorderster Front miterlebt. Der frühere UBS-Konzernchef warnt vor dem Irrglauben, dass in der Finanzwelt alles unter Kontrolle sei.

Von Simon Schmid
am 18.10.2017

Sie waren 1987 bei der Credit Suisse First Boston (CSFB). Was war am Schwarzen Montag in der Bank los?
Luqman Arnold:* Ich war an jenem Tag in London und hörte die News aus dem Handelsraum. Bei der CSFB hielt sich der Schaden in Grenzen, im Aktienhandel war die Bank nicht so stark exponiert. Doch in der City war der Schock gross: Seit dem Deregulierungs-«Big Bang» war nicht einmal ein Jahr vergangen. Es herrschte eine irrwitzige Freiheit, der Computerhandel kam auf, alles war aufregend. Niemand glaubte, dass ein Crash dieser Grössenordnung passieren könnte. Es war, wie wenn einem der Boden unter den Füssen weggezogen würde.

Ist ein solcher Kurssturz heute noch möglich?
Die Finanzwelt dachte damals, sie habe die ultimativen Methoden zur Verwaltung von Portfolios entwickelt. Man war überzeugt, die Lage im Griff zu haben – und dann kam es zum grössten Eintagescrash in der ganzen Geschichte. Der Hang zur Selbstüberschätzung existiert in der Finanzbranche nach wie vor. Ein erneuter Krach ist deshalb nicht ausgeschlossen. Wir glauben immer, dass «die da oben» an den Schalthebeln der Industrie und der Finanzmarktregulierung schon wissen, was sie tun – bis wir in der Krise erfahren, dass eigentlich keiner eine Ahnung hat, aber niemand den Mut aufbringt, das zuzugeben. Die Geschichte wiederholt sich.

Ist die heutige Situation gefährlicher als 1987?
Ähnlich wie damals sind Aktien sehr hoch bewertet. Die Börse reagiert kaum auf politische Neuigkeiten, obwohl es zahlreiche Unruheherde auf der Welt gibt. Neu ist der hohe Schuldenstand und neu ist auch der Aktivismus der Notenbanken. Nach der Finanzkrise wurde das ­System mit Geld regelrecht überflutet. Dadurch sind enorme Verzerrungen entstanden, die sämtliche Arten von Wertpapieren betreffen. Die Gefahr besteht, dass der nächste Crash noch schlimmer wird als der letzte.

Wissen unsere Banken, was auf dem Spiel steht?
Die grössten Banken sind seit der Finanzkrise von 2008 noch einmal gewachsen. Daneben gibt es gigantische Vermögensverwalter. Viele Leute glauben, sie seien seit dem letzten Crash cleverer geworden. Das mag schon sein. Ehrlicherweise müssten wir uns aber eingestehen, dass wir ziemlich ahnungslos sind. Wir wissen nicht, von welchem Bereich die nächste Krise ausgeht.

Haben wir nichts aus dem Schwarzen Montag gelernt?
Nach dem damaligen Crash stiegen die Börsen relativ rasch wieder an. Für Reflexion blieb wenig Zeit, es ging darum, wieder Geld zu verdienen. Die Marktteilnehmer gewöhnten sich auch daran, dass in der Not die Federal Reserve einspringt. 1987 steht in diesem Sinne auch als Testfall für spätere Krisen. Zentralbanken haben die Welt Mal für Mal gerettet – mit immer höherem Einsatz.

Wird es immer Finanzblasen und Crashs geben?
Investoren werden immer aufs Neue mit Bullenmärkten mitgehen, obwohl die Kurse bereits überhöht sind. Sie können gar nicht anders: Steigen sie aus und verpassen eine Rally von 30 oder 40 Prozent, wird man ihnen das nie verzeihen. Bleiben sie drin, so wird man dagegen sagen: Macht nichts, der Crash hat ja alle getroffen. Man müsse eigentlich immer zu früh verkaufen, hat der Bankier Siegmund Warburg einmal gesagt. Das ist einfacher gesagt als getan. Die Börse wird niemals rational sein.

Wie können sich Banken dagegen wappnen?
Sie müssen sich vor allem des Risikos bewusst sein. Die Finanzregulierungen gewährleisten mehr oder weniger, dass man als einzelne Bank nicht in grössere Probleme gerät. Doch das ganze Finanzsystem ist zu komplex, als dass es sich für alle Fälle absichern lässt. Das Beste, was man in dieser Situation als Bank tun kann, ist, ein klares und verständliches Geschäftsmodell zu verfolgen. Das erleichtert die Führung und das Risikomanagement.

* Luqman Arnold leitete in den 1980er Jahren das Investmentbanking der Credit Suisse First Boston. 1996 bis 2001 war er bei der UBS, zuletzt als Konzernchef.

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