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Abkehr
«Gefahr, dass Exporteure Sitz ins Ausland verlegen»

Andreas Steffes von Handel Schweiz: Einkaufstourismus wird noch mehr zunehmen.   Keystone/PR

Für Andreas Steffes von Handel Schweiz gibt es nichts Positives am Ende des Mindestkurses. Neben Problemen für die Exporteure würden Gewinne beim Import durch mehr Einkaufstourismus zunichte gemacht.

Von Gabriel Knupfer
am 15.01.2015

Die Zeit des Mindestkurses ist vorbei. Was bedeutet das für die Schweizer Exportwirtschaft?
Andreas Steffes*: Das Umfeld für die Exporteure wird schwieriger weil Schweizer Produkte in der EU mehr kosten. Zudem besteht jetzt zunächst eine grosse Unsicherheit darüber, wo sich der Kurs künftig einpendeln wird. Durch die notwendige Absicherung besteht die Gefahr, dass Exporteure ihren Sitz ins Ausland verlegen. Und die im Handel tätigen Firmen stehen vor der Frage, wie sie damit umgehen und ob sie ihren Auftraggebern folgen müssen.

Die Nationalbank und die Exportwirtschaft haben immer betont, dass dank dem Mindestkurs grosser Schaden von der Schweizer Wirtschaft abgewendet worden sei. Was steckt hinter dem Sinneswandel?
Die Nationalbank hat gesehen, dass die Industrie mit dem teuren Franken relativ gut zurechtgekommen ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Wirtschaft vor der Einführung des Mindestkurses durch den starken Franken massiv in Bedrängnis geraten ist. Firmen haben die Schweiz verlassen – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies jetzt anders sein soll. Denn welches europäische Unternehmen wird in dieser unsicheren Situation und angesichts des sehr teuren Frankens aktuell eine Schweizer Maschine bestellen?

Was wäre denn ein realistischer Frankenkurs?
Das ist schwer einzuschätzen, da sich die Frage durch den Mindestkurs lange nicht mehr gestellt hat. Realistisch wäre wohl ein Kurs zwischen 1,20 und 1 Franken, doch auch ein noch billigerer Euro ist möglich, wenn die zum Teil übertriebene Verunsicherung gegenüber dem Euro wieder überhand nimmt und der Franken als Safehaven genutzt wird.

Die Börse ist seit der Ankündigung regelrecht abgestürzt. Ist das nun reine Panik, oder was steckt dahinter?
Nein, der Absturz hat einen klaren Hintergrund. In Europa ist die Verunsicherung und Unzufriedenheit wegen der EZB-Geldpolitik sehr gross. Es ist also klar, dass sehr viele Euro in die Schweiz fliessen und selbst die Parität ernsthaft in Gefahr ist. Der Absturz von acht Prozent scheint mir vor diesem Hintergrund realistisch. Ich gehe davon aus, dass die Börse heute noch weiter abstürzt, und sich dann nächste Woche auf einem niedrigeren Stand einpendelt.

Gibt es nicht auch positive Aspekte eines starken Schweizer Frankens?
Eigentlich nicht. Zwar werden die Importe günstiger und auch der Konsum im Inland. Doch das Ausmass, in dem Einkäufe in der EU billiger werden, ist noch grösser. Der Einkaufstourismus wird noch mehr zunehmen. Selbst für Produkte, wie beispielsweise Elektronik, die in der Schweiz bisher relativ billig waren, dürfte sich die Fahrt nach Deutschland bald lohnen.

*Andreas Steffes ist Sekretär und Chefökonom von Handel Schweiz. Handel Schweiz ist der Dachverband des Handels, dem 33 Branchenverbände mit insgesamt 3700 Unternehmen angehören.

 

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