Calorifer gibt auf. Verwaltungsratspräsident Hans-Jörg Steinemann hat zwar noch versucht, das Unternehmen zu verändern und Produkte anzupassen. Doch der Wärmetauscherhersteller in Elgg bei Winterthur muss mangels Nachfrage die Produktion einstellen.

Aufträge bleiben aus, die Fixkosten von mehreren Millionen Franken kann das Unternehmen nicht mehr tragen. Kunden und Lieferanten wurden bereits informiert. Sofern keine zündende Idee aus der Belegschaft kommt, wird das Konsultationsverfahren bis zum bitteren Ende fortgesetzt. 60 Jobs stehen auf dem Spiel.

Spezialist sein reicht nicht mehr

Steinemann stand bisher für eine Schweizer Unternehmergeneration, welche sich auf ihr Spezialistentum verlassen konnte. Diese Unternehmer bauten Apparate, Turbinen und Wärmetauscher so hochwertig und zuverlässig wie sonst kein anderer. Globalisierung, starker Franken, Euro-Krise – jemand wie Steinemann trotzte diesen wie einst die Eidgenossen den Habsburgern.

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Doch während das Beklagen des starken Frankens die öffentliche Debatte dominiert, kämpfen ehemals bestens aufgestellte Schweizer KMU nun mit grossen Problemen. Konnten sich Schweizer Industriespezialisten früher auf ihr Alleinstellungsmerkmal verlassen, gibt es heute eine Menge Firmen aus China und Osteuropa, die bei Qualität und Perfektion mithalten können. Und war der Absatz der spezialisierten Betriebe früher kaum eine Frage des Preises, so bietet die Konkurrenz heute günstiger an.

Starke Abhängigkeit

Die Kleinbetriebe in der Maschinenindustrie haben ihr Portfolio fast ausschliesslich auf die Produktpalette der Grossabnehmer abgestimmt. Sie handeln noch so, als wären sie die verlängerte Werkbank von Giganten wie ABB, Alstom und Siemens. Doch mittlerweile kauft ABB immer mehr in China ein, weil Konzernchef Ulrich Spiesshofer unter Kostendruck ist.

Und Alstom-Chef Patrick Kron verkauft die Energiesparte, weil die hohen Erträge in anderen Geschäftssparten wie zum Beispiel der Bahntechnik liegen. All das zulasten jener Zulieferer, die bisher an ihrem Hauptgeschäft mit ABB und Alstom festhielten. Immerhin sind die beiden Konzernriesen die grössten Industriearbeitgeber in der Schweiz und die wichtigsten Kunden und Auftraggeber für eine Branche mit fast 5000 Mitarbeitern.

Schleichender Prozess

Die damit verbundene Deindustrialisierung geschieht allerdings nicht von heute auf morgen, sondern passiert schleichend. Und der starke Franken ist weniger die Ursache, sondern vielmehr der Beschleuniger dieses Trends. So haben und ABB und Alstom Turbinen und Kraftwerksausrüstungen kaum noch in ihren Portfolios oder sie reduzieren stark in diesem Bereich.

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Einst wurden Turbinenanlagen im grossen Stil verkauft, für bis zu 50 Millionen Franken pro Installation. Viele Lieferanten aus der Schweiz hatten mit ihren Komponenten einen grossen Anteil an diesem Geschäft als spezialisierte Zulieferer. Bis zu dem Zeitpunkt, als die beiden Aargauer Industrieriesen im Zuge von Restrukturierungen begannen, den Fokus sowohl produkttechnisch als auch geografisch neu auszurichten: Auf Asien, Südamerika, Indien und die USA.

Halber Preis, fünf statt 50 Jahre Garantie

Für ABB ist es «ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie, überall auf der Welt die besten Orte für Fertigungsstätten und den Wareneinkauf zu finden».

Alstom begründet seine Ambitionen in China mit dem Zusammenhang zwischen dem Energieverbrauch und der Wirtschaftsleistung: «Die wirtschaftliche Entwicklung bestimmt den Energieverbrauch. Und in China überflügelt der Anstieg des Energieverbrauchs das Wirtschaftswachstum. Aber in industrialisierten Ländern ist das Gegenteil der Fall.»

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Konzerne suchen Wachstumsmärkte

Kein Wunder, dass die Konzerne ihre Portfolios neu ordnen und in jene Märkte gehen, wo die Aussichten besser sind. Das gilt auch nach wie vor für China, selbst wenn die Wirtschaft dort etwas langsamer wächst.

«Die Chinesen bieten zum halben Preis an, haben nicht dieselben Lieferwege wie wir und bieten Garantien von fünf statt 50 Jahren», sagt ein Zulieferer aus dem Kanton Zürich, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Unternehmen kaufen verstärkt lokal ein, chinesische, polnische und tschechische Zulieferer haben über die Jahre massiv Know-how aufgebaut. Und sie haben geringere Kosten, weil das Lohnniveau tiefer ist als in der Schweiz.

Kampf ums Überleben

Das ist wenig erfreulich für Schweizer Lieferanten. Sie versuchen sich durch Akquisitionen und neue Produkte über Wasser zu halten. Die Firma Angenstein in Aesch BL war lange im Apparatebau tätig und hat sich jetzt auf Rohrverbindungen spezialisiert. Der Anlagenbauer Apaco in Grellingen BL hat in den vergangenen fünf Jahren die Firmen Stöcklin und Inrabau gekauft und ist jetzt auch im Markt für Logistiksysteme und Rohrleitungsbau.

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Der Zentrifugenhersteller Ferrum in Rupperswil AG kauft mittlerweile viele Materalien im Ausland ein, um die Kosten unter Kontrolle zu halten. Zulieferer haben ihrerseits Lieferanten und schauen darauf, wie sie den Druck ihrer Auftraggeber an diese weitergeben können.

Papierkrieg als Chance

Ein Abteilungsleiter des Behälterbauers Kasag im Emmental BE, der anonym bleiben möchte, sieht indes auch Chancen im Umbruch. Eine Stärke, welche bisher kaum gegenüber den Kunden ausgespielt wurde, sei das Wissen über den Papierkrieg im internationalen Warenverkehr. Zertifizierungen und Zulassungen verursachen hohe Kosten.

«Ein China Stamp für die Erstzertifizierung kostet mehr als 100'000 Franken», sagt der Kasag-Mitarbeiter. Für Firmen, welche neu in einen Markt gehen wollen oder frisch mit den Kunden in ein Exportland mitziehen, ist das viel Geld. Wer die Dokumentenarbeit beherrscht, spart viel Geld. Und: «Wer nach den internationalen Standards zertifiziert ist, hat eine gute Basis, um seine Produkte in der ganzen Welt zu verkaufen.» Und zwar auch an neue Kunden, die nicht ABB, Alstom oder Siemens heissen.

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