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Ausblick
Goldman-Chefökonom: «Wir sehen steigende Ölpreise»

Trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten gibt sich Jan Hatzius optimistisch. Der Chefökonom von Goldman Sachs spricht über Chinas Wachstum, den Frankenkurs und wann Rohöl wieder 50 Dollar kostet.

Von Tim Höfinghoff
am 20.01.2016

Die Finanzmärkte sind in Aufruhr, kommt es zum Crash der Weltwirtschaft?
Jan Hatzius*: Ich glaube nicht. Wir gehen davon aus, dass es mit dem globalen Wirtschaftswachstum ähnlich weitergehen wird, wie wir es im Schnitt in den vergangenen fünf Jahren gesehen haben. Das heisst, dass es ungefähr 3 bis 3,5 Prozent Wachstum für die Weltwirtschaft gibt, 2 bis 2,4 Prozent für die USA und etwa 1,5 Prozent für die Euro-Zone.

Das klingt ziemlich entspannt.
Wir gehen davon aus, dass die globale Erholung immer noch weitergehen kann. In der weltgrössten Ökonomie, den USA, gibt es immer noch Aufwärtstendenzen beim Häuserbau, und der private Konsum ­entwickelt sich auch nicht schlecht – ­vielleicht nicht ganz so gut wie im vergangenen Jahr. Aber auch die Entwicklung am US-Arbeitsmarkt sieht gut aus.

Allerdings sieht mancher die Welt­wirtschaft schon bald in die Rezession ­gleiten. Ist das alles übertrieben?
Ich sehe keinen Grund für eine Rezession. Ausschliessen kann man das natürlich nie. Aber wir sehen derzeit keine wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die auf eine Rezession hindeuten würden. Ein ­Indiz für eine baldige Rezession wäre das Überhitzen der Wirtschaft, davon sind wir aber noch entfernt, vor allem in Europa. Ausserdem sehen wir keine Finanz­ungleichgewichte in den entwickelten Volkswirtschaften.

Die Börsen sind im Bären-Modus. Wie weit werden die Kurse noch fallen?
Ich bin kein Aktienstratege, doch unsere Aktienstrategen gehen davon aus, dass die Kurse wieder steigen werden. Zurzeit ist die Nachfrage durch Aktienrückkäufe der Unternehmen sehr wichtig. In den vergangenen Wochen, als diese hätten stabilisierend auf den Markt wirken können, waren sie aber aus regulatorischen Gründen nicht möglich. Das wird sich, so erwarten es unsere Strategen, nach dem Ende der Berichtssaison wieder ändern.

Waren die Abschläge an den Börsen in den ersten Wochen dieses Jahres also übertrieben?
Davon ist auszugehen.

Wo sehen Sie dieses Jahr die grössten ­Risiken an den Finanzmärkten?
Das grösste Risiko ist ein schwächeres Wirtschaftswachstum, das sich negativ auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen auswirken könnte. Auch sind die ­Gewinnmargen, zumindest in den USA, schon sehr hoch. Mit Blick auf die OECD-Länder sind wir immer noch in der Erholung von der Finanzkrise, die im Jahr 2008 begann. In einigen Regionen sind wir weiter fortgeschritten mit der Erholung, in an­deren weniger. In den USA zum Beispiel liegt die Krise schon viel weiter zurück, die Wirtschaft hat sich dort weitgehend ­erholt. In den USA sind wir in der Nähe der Vollbeschäftigung. Für Europa gilt das allerdings noch nicht.

Viele Investoren blicken besorgt nach China, wo die Wirtschaft so schwach wächst wie seit 25 Jahren nicht mehr und die ­Börsenkurse abstürzen. Wie geht es in ­China weiter?
Mit einer weiteren graduellen Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China ist zu rechnen. Doch das derzeitige Bild in China ist nicht so schlecht. Sicherlich, es ist das schlechteste Wachstum seit 25 Jahren, aber es ist immer noch ein sehr kräftiges Wachstum, verglichen mit fast jeder anderen Volkswirtschaft auf der Welt. Wir gehen davon aus, dass das tatsächliche chinesische Wachstum dieses Jahr eher bei rund 5 Prozent liegen wird. Aber selbst 5 Prozent Wachstum sind immer noch sehr gut, gerade im globalen Vergleich. ­Allerdings sollte man ein Augenmerk auf die weiterhin starke Kreditausweitung in China haben.

Inwieweit wird Chinas Abschwächung die globale Wirtschaft nach unten ziehen? Welche Länder sind besonders betroffen?
Die Ansteckungseffekte werden sich im Rahmen halten. Unter den OECD-Ländern dürften eher Australien, Japan und auch Deutschland betroffen sein.

Der Ölpreis ist stark gesunken. Wie geht es am Ölmarkt weiter?
Unsere Rohstoffstrategen erwarten, dass wir nun auf einem Niveau des Ölpreises ­angekommen sind, bei dem die Investitionen und die Ölförderung weiter gekürzt werden. Das dürfte dafür sorgen, dass wir auf mittlere Sicht, also in 6 bis 12 Monaten, auch wieder steigende Ölpreise sehen werden – das heisst im Bereich von 40 und 50 Dollar pro Fass. Makroökonomisch überwiegen in Europa derzeit die positiven Effekte durch die gesunkenen Energiekosten.

Die Fed hat im Dezember ihre Nullzins­politik aufgegeben. War das der richtige Zeitpunkt, und wie geht es weiter mit ­möglichen Zinsschritten?
Es ist nicht klar, ob es der richtige Zeitpunkt war, die Fed hätte auch noch etwas warten können. Allerdings ist in den USA mit einer verbesserten Arbeitsmarktlage zu rechnen, auch die Inflationserwartungen nehmen zu, sodass wir nun 2016 in den USA alle drei Monate mit weiteren Zinserhöhungen jeweils um 25 Basispunkte rechnen.

Wie wird sich die Europäische Zentralbank (EZB) positionieren? Geht es weiter mit der lockeren Geldpolitik?
Es wird wahrscheinlich eine Verlängerung des jetzigen Quantitative-Easing-(QE-)Programms der EZB geben. Die Inflationsraten in ­Europa sollten weiter abnehmen, was EZB-Präsident Mario Draghi dazu bewegen dürfte, eine weitere Ausweitung seines QE-Programms durchzuführen. Es ist bekannt, dass es bis März 2017 weiter­gehen soll mit der lockeren Geldpolitik der EZB. Wir erwarten aber, dass es noch um weitere sechs Monate nach hinten ­geschoben wird und sich dann ab September 2017 eine Tapering-Phase anschliesst, die 2018 endet.

Wenn Fed und EZB weiterhin so unterschiedlich agieren, hiesse das stärkerer Dollar und schwächerer Euro ...
... das wäre unsere Erwartung für die ­De­visenkursentwicklung, obwohl Devisenmärkte immer sehr schwer zu prognostizieren sind.

Nachdem Zinsen jahrelang tief und sogar im negativen Bereich sind sowie Anleihen im grossen Stil gekauft wurden: Wie ­effektiv sind Notenbanken wie Fed, EZB und SNB überhaupt noch, wenn es jetzt abermals Krisensymptome gibt?
Es ist sicherlich schwieriger für Notenbanken geworden, weil sie zunehmend mit Instrumenten agieren, mit denen es weniger Erfahrungen gibt. So gibt es bezüglich Veränderungen der kurzfristigen Zinsen im negativen Bereich nur wenige Erfahrungen. Das gilt auch für Quantitative-­Easing-Programme. Negative Kurzfristzinsen und QE-Effekte haben natürlich immer auch wirtschaftliche Auswirkungen. Doch wie gross diese Effekte sind und welche Nebeneffekte es dabei gibt, das ist schwieriger zu sagen.

Wie ist der ökonomische Ausblick für die Schweiz?
Zunächst muss man feststellen, dass die Wirtschaft der Schweiz auch im letzten Jahr eine erstaunliche Robustheit gezeigt hat. Wir erwarten für die Schweiz ein Wachstum von rund 1,5 Prozent für dieses Jahr. Zwei Faktoren sollten dabei das Wachstum stützen: Zum einen erwarten wir für die Euro-Zone weiterhin solides Wachstum, zum anderen sollte die dämpfende Wirkung der Frankenstärke langsam schwächer werden.

Viele befürchten eine Deindustrialisierung in der Schweiz.
Bis jetzt hat die Schweizer Industrie die Stärke des Wechselkurses einigermassen gut verdauen können und der Anteil an der gesamten Wertschöpfung war bislang recht stabil. Zum einen kann das durch eine relativ geringe Preissensitivität einiger wichtiger Segmente des Exportsektors – Arzneimittel und Uhren beispielsweise – erklärt werden. Aber für andere Bereiche der Industrie stellt die Stärke des Frankens eine grosse Belastung dar. Ob es zu einer schleichenden Deindustrialisierung kommt, hängt damit auch von der weiteren langfristigen Entwicklung des Wechselkurses ab.

Wie ist Ihr Ausblick für den Franken?
Unsere Prognose sieht den Franken auf dem jetzigen Niveau über die nächsten zwölf Monate. Langfristig erwarten wir ­allerdings eine Abwertung des Frankens über ein Niveau von 1,30 Euro zum Ende des nächsten Jahres.

Vor einem Jahr hat die SNB mit ihrer Entscheidung, den Mindestkurs aufzugeben, die Märkte durcheinandergewirbelt. Wie beurteilen Sie den Schritt jetzt?
Wir sehen die Entscheidung durchaus differenziert. Zumindest stellt sich die Frage, wie wichtig der SNB ihr Inflationsziel ist. Es war schliesslich offensichtlich, dass mit dem Ende des Mindestwechselkurses die Inflation erneut massiv nach unten gehen würde. Ausserdem ist die SNB ein grosses Risiko eingegangen, ob der Exportsektor die erneute, signifikante Aufwertung wird verdauen können. Man hätte den Mindestkurs auch weiter verteidigen können – ­zumindest solange man der Überzeugung war, der Franken sei stark über­bewertet.

Wie lange wird die SNB an Negativzinsen festhalten?
Hier spielt sicher die Entwicklung in der Euro-Zone eine entscheidende Rolle. Erst wenn es in der Euro-Zone zu einer genuinen Beschleunigung bei der Inflation kommt und der Schweizer Franken im Zuge einer Normalisierung weiter aufwertet, wird die SNB anfangen, über eine Änderung ihres geldpolitischen Kurses nachzudenken.

 

* Jan Hatzius arbeitet seit 1997 für die US-Bank Goldman Sachs, seit 2011 als Chefökonom. ­Hatzius ist einer der einflussreichsten Ökonomen an der Wall Street und erhielt mehrere Auszeichnungen für ­seine Prognosen.

 

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