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EU-Kritik
Grexit-Angst? Der Brexit ist die viel grössere Gefahr

David Cameron: Er hat ein EU-Referendum in Aussicht gestellt. Keystone

Europa redet vom Euro-Austritt der Griechen. Doch in Grossbritannien steht nach der Wahl womöglich bald ein Referendum zum EU-Ende an. Ein Brexit wäre «verheerender» als ein Grexit, warnen Experten.

Von Mathias Ohanian
am 30.03.2015

Europas Entscheidungsträger ringen um die Zukunft Griechenlands in der Euro-Zone. Die neue Reformliste aus Athen ist laut einem EU-Diplomaten «viel zu vage und nicht glaubwürdig» – der Austritt der Hellenen aus dem Währungsraum bleibt also ein reales Risiko.

Und doch könnten sich Europas Politiker schon bald einer noch grösseren und womöglich weniger vorhersehbaren Gefahr konfrontiert sehen: dem möglichen Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union – in einschlägigen Kreisen bereits Brexit genannt. Denn in weniger als sechs Wochen wählen die Briten ein neues Parlament, die zentrale Wahlkampffrage auf der Insel ist die Beziehung zur EU.

David Cameron stellt EU-Referendum in Aussicht

In der Vergangenheit verwiesen EU-kritische Stimmen wiederholt auf die Schweiz als mögliches Vorbild für den neuen potenziellen Kurs der Briten. Und der konservative Premierminister David Cameron kündigte bereits an, bei einer Wiederwahl bis 2017 über den Verbleib in der EU abstimmen zu lassen. Damit will Cameron den Höhenflug der europakritischen Ukip-Partei stoppen.

Doch Beobachter sind skeptisch: Die populistische Anti-EU-Partei um Nigel Farage macht es für die etablierten politischen Kräfte schwierig, am 7. Mai eine Mehrheit zu erlangen, erwartet Holger Schmieding, Chefökonom bei der Privatbank Berenberg in London. Sollte Ukip bei den Briten auf viel Zustimmung erhalten, wächst das Risiko eines baldigen Referendums, glaubt er. Zuletzt erreichten Ukip und die ebenfalls EU-kritische Grüne Partei in Umfragen zusammen fast 20 Prozent der Stimmen.

«Binnenmarkt ist lebenswichtig für Grossbritannien»

Die Wirtschaft ist ebenfalls alarmiert. Die grossen Konzerne warnen bereits vor möglichen Verwerfungen, die auf den Wahlausgang folgen könnten. Ein Austritt aus der EU wäre «desaströs für London und Grossbritannien», sagte nun Gerry Grimstone, Chef von Standard Life, einer der grössten britischen Pensionskassen. Und: «Der Binnenmarkt ist lebenswichtig für Grossbritannien.» Mit einem EU-Austritt wäre der Zugang der britischen Wirtschaft zum europäischen Kontinent vorerst abgeschnitten.

Das Problem: Unabhängig vom Ausgang einer möglichen Abstimmung könnte es schon nach der Parlamentswahl im Mai zu Unsicherheit an den Finanzmärkten kommen, etwa wenn keine stabile Regierung zustande kommt oder die Aussicht auf die künftige EU-Politik unsicher bleibt. 

Brexit könnte «verheerender» sein als Grexit

Und auch die Ankündigung eines Austritt-Referendums dürfte noch vor dem eigentlichen Abstimmungsergebnis zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Ähnlich wie vor dem Votum über die Unabhängigkeit der Schotten im vergangenen Jahr könnten die Kurse an den Börsen unter Druck – und auch die Wirtschaft ins Stocken geraten. Unternehmen könnten angesichts des widrigeren Umfelds mit neuen Investitionen abwarten.

«Alle reden von Griechenland und einem möglichen Grexit – aber die Situation könnte noch verheerender werden, wenn sich der Austritt von Grossbritannien aus der Europäischen Gemeinschaft realisieren würde», sagt auch Christina Böck, Investmentchefin Schweiz bei Axa Investment Managers, im Interview mit finanzen.ch. «Hier sollte man die politischen Entwicklungen ganz besonders beobachten.»

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