Griechenland ist der erste Schritt auf dem langen Weg in die finanzielle Unabhängigkeit geglückt. Vier Jahre nach der mit internationaler Hilfe verhinderten Staatspleite verkaufte das Land am Donnerstag erstmals eine Anleihe an Investoren. Angelockt von einer attraktiven Rendite rissen sie sich um die Papiere - obwohl viele Gläubiger seit 2010 schlechte Erfahrungen gemacht haben und auf die Rückzahlung von 130 Milliarden Euro verzichten mussten. Die Regierung feierte das Comeback. Die Bundesbank bleibt aber skeptisch, ob Griechenland rasch wieder auf eigene Füsse kommt.

Die Anleihe mit 4,75 Prozent Zinsen und fünf Jahren Laufzeit spülte drei Milliarden Euro in die Staatskasse. «Unsere Erwartungen wurden übertroffen», sagte Regierungschef Antonis Samaras in Athen. «Das Vertrauen in unser Land wurde durch den objektivsten Richter bestätigt: die Märkte.» Künftig könnten wieder grössere Summen zu günstigen Konditionen geliehen werden. Etwa 90 Prozent der Papiere gingen an institutionelle Investoren im Ausland.

Griechenland muss für frisches Geld zwar viel mehr bezahlen als Deutschland, dessen Bundesanleihe derzeit rund 0,6 Prozent abwirft. Doch lag der Zins vor vier Jahren noch bei mehr als 15 Prozent. Der Staat hätte auch mehr als 20 Milliarden Euro einsammeln können, so hoch waren nach Reuters-Informationen die Gebote der mehr als 550 Investoren. Zu Wochenbeginn hatte das Finanzministerium nur 1,5 bis 2,0 Milliarden Euro angestrebt, den Betrag aber angesichts der riesigen Nachfrage aufgestockt. «Die Anleiheplatzierung belegt, dass die Schulden tragfähig sind, sonst hätte sie der Markt nicht gekauft», sagte Vize-Ministerpräsident Evangelos Venizelos.

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Lob aus Berlin

Das grosse Interesse an dem Papier ist dem Bundesfinanzministerium zufolge Ausdruck widergewonnenen Vertrauens. «Die Reformen, die Griechenland durchgeführt hat, verdienen grosse Anerkennung», erklärte das Ministerium in Berlin. «Die ersten Früchte sind nun erkennbar. Dies bestätigt den eingeschlagenen Kurs des Anpassungsprogramms.» Ähnlich äusserte sich EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia: «Das sind extrem gute Nachrichten», sagte er in Athen. «Das wird Vertrauen in Europa stärken, dass die Krise überwunden wird.»

Mit der ersten Anleihe seit Beginn der Schuldenkrise 2010 will das Land das Interesse der Anleger testen, bevor sich Griechenland ab 2016 wieder vollständig über den Markt refinanzieren könnte. Der Zeitpunkt für den Testlauf war gut gewählt, da viele Investoren ihr Geld aus Schwellenländern wegen der dortigen Währungsturbulenzen abziehen. Die Euro-Krisenländer gewinnen dadurch wieder an Anziehungskraft. Derzeit wird Griechenland mit zwei internationalen Kreditpaketen in Höhe von insgesamt 240 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt.

Dass die Rückkehr unmittelbar vor dem für Freitag geplanten Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen durchgezogen wurde, hat auch symbolischen Charakter. Deutschland ist als grösste Volkswirtschaft der Euro-Zone auch der grösste Geldgeber Griechenlands. Die Entwicklung des Krisenstaates wird deshalb mit besonderem Interesse verfolgt.

Skeptische deutsche Wirtschaft

Bundesbankpräsident Jens Weidmann reihte sich nicht in den Chor der Optimisten ein. «Wir müssen sehen, wie weit dies die Finanzierungsbedingungen für Griechenland berührt und wie nachhaltig das ist», sagte er dem TV-Sender CNBC. Kritische Stimmen kommen auch aus der deutschen Wirtschaft. «Der Staatsanleihenkauf durch vornehmlich Hedgefonds ist ein Beleg dafür, dass die Finanzinvestoren die politischen Tricksereien bei der Euro-Rettung durchschauen und darauf spekulieren, dass im Notfall wieder andere die Zeche zahlen», sagte der Präsident der Familienunternehmen, Lutz Goebel.

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Griechenland drückt ein Schuldenberg von 320 Milliarden Euro. Das entspricht 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die grossen Ratingagenturen schätzen die Gefahr eines erneuten Zahlungsausfalls immer noch als sehr hoch ein.

Die Konjunkturbelebung lässt aber Hoffen, dass Griechenland das Schlimmste hinter sich hat. So sank die Zahl der Arbeitslosen in Griechenland im Februar mit 26,7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr. Die Industrieproduktion zog zuletzt drei Monate in Folge an. 2014 soll das Bruttoinlandsprodukt dank des Tourismusbooms und steigender Exporte erstmals seit sechs Jahren wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent, wie die EU-Kommission prophezeit. In den vergangenen Jahren hat das Land ein Viertel seiner Wirtschaftskraft eingebüsst, die realen Einkommen brachen um 40 Prozent ein.

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Auch Zypern peilt Rückkehr an

Wie fragil die Lage immer noch ist, belegt der Bombenanschlag in der Athener Innenstand nahe einem Gebäude der Zentralbank - kurz vor dem Besuch von Merkel. In mehreren Geschäften gingen Fensterscheiben zu Bruch. Aus Polizeikreisen verlautete, ein anonymer Anrufer habe 45 Minuten vor der Detonation vor der Bombe gewarnt und gesagt, dass es sich um 70 Kilogramm Sprengstoff handele. Die Ermittler vermuteten eine linksgerichtete oder anarchistische Gruppe hinter der Tat.

Der erfolgreiche Testlauf der Griechenland-Anleihe animiert unterdessen auch Zypern, eine Rückkehr an den Kapitalmarkt ins Auge zu fassen. Ende 2015 könnte es soweit sein, sagte Präsident Nikos Anastasiades der Nachrichtenagentur Reuters. Sein Land wurde vor einem Jahr mit einem internationalen Hilfspaket von zehn Milliarden Euro vor der Pleite gerettet.

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(reuters/chb)