Wann wird Ihr neuer Chef, Tidjane Thiam, das Investmentbanking runterfahren?
Credit Suisse wird noch vor Jahresende das Ergebnis ihrer Strategieüberprüfung vorstellen. So viel vorneweg: Ein Geschäftsmodell sollte immer auf profitables und nachhaltiges Wachstum ausgerichtet sein. Und das Investmentbanking in der Schweiz liefert sehr gute Erträge auf dem eingesetzten Kapital. Die Sparte spielt zudem eine wichtige Rolle in der Kapitalversorgung der Unternehmen und leistet wichtige Dienste in der Unterstützung ihrer Expansionspläne.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Happy? Die Märkte sind volatil, das ist schlecht fürs Investmentbanking, richtig?
Das stimmt, Marktvolatilität ist kurzfristig eine Herausforderung. Mittelfristig aber bin ich nicht so pessimistisch. Unsere Kunden sind voller Tatendrang. Ihre Unternehmen verfügen über starke Bilanzen, Kapitalkosten sind auf einem historisch tiefen Niveau. Diese erhöhte finanzielle Flexibilität wollen sie für Wachstumsakquisitionen einsetzen. Gute Beispiele dafür sind die Schlüsselfirma Kaba, die mit Dorma fusioniert, oder der Reisedetailhändler Dufry, der sich World Duty Free einverleibt hat. Beide Transaktionen konnten wir als M&A-Berater im ersten Halbjahr begleiten.

Die Börsen sind weltweit verunsichert. Schlägt das nicht auf Ihr Geschäft durch?
Kurzfristig kann dies der Fall sein. Wir gehen allerdings davon aus, dass wir zurzeit lediglich eine Korrektur an den Kapitalmärkten durchlaufen. Wir stehen nicht am Anfang einer grösseren Baissephase. Wenn man die wirtschaftlichen Perspektiven in den entwickelten Ländern anschaut, dann hat sich in den letzten Wochen ja nicht viel verändert.

Mit dem Börsengang der chinesischen Online-Plattform Alibaba und der Fusion von Holcim und Lafarge hat das CS-Investmentbanking Zeichen gesetzt. Wann gibt’s den nächsten grossen Deal?
Das werden wir sehen. Wir haben diverse Börsengänge in der Pipeline und beraten verschiedene Unternehmen in der Vorbereitung von grösseren Übernahmen.

Sie sind Hauptsponsor bei der Gala des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Wie passt das zusammen?
Bestens, es funktioniert prima. Ich bin schon zum sechsten Mal dabei.

An der diesjährigen Rot-Kreuz-Gala in Zürich dieses Wochenende kamen 500'000 Franken zusammen. Zufrieden?
Absolut, es ist das zweitbeste Ergebnis.

Dieses Jahr wurde schwergewichtig für Bolivien Geld gesammelt. Dort ist ein Sozialist an der Macht. Ivo Morales, der Klassenkämpfer, und Marco Illy, der Investmentbanker – ein ungleiches Paar?
Ach, hier geht es nicht um Personen, sondern darum, den Schwächsten zu helfen. Im Übrigen geht’s ja nicht nur um Bolivien. Es wurde auch Geld für Bangladesch und Pakistan gesammelt, alles Länder mit grosser Armut. Ich sehe das Engagement des SRK nicht aus einer politischen Optik: Meine Erfahrung ist, dass sowohl rechte wie linke Regierungen die Bekämpfung der Armut oder das Entwickeln der Wirtschaft behindern können.

Wie belastend ist das Flüchtlingselend in Syrien?
Seit dem Beginn des Bürgerkriegs haben neun Millionen Syrer ihre Heimat verlassen müssen. Aufgrund dieser Krise hat sich die in Armut lebende Bevölkerung in der Region stark erhöht. Deshalb wird ein Teil der Gelder für Syrien gesammelt.

Aber das Problem nimmt grössere Dimensionen als erwartet an. Flüchtlingsströme ergeben sich auch aufgrund der Konflikte in Irak, Nigeria, Pakistan, Kongo und der Ukraine. Diverse Länder sind finanziell unter Druck und reduzieren ihre Ausgaben für die Dritte Welt.
Das ist so. Die Flüchtlingswelle ist gerade für Mittelmeeranrainer ein grosser Brocken. Diese Länder stehen budgetmässig unter Druck, weil die Wirtschaft nicht in die Gänge kommt. Deshalb finde ich es gut, wenn sich auch die Privatwirtschaft bei der Bewältigung des Flüchtlingsstromes finanziell engagiert.

Sind Sie von der Flüchtlingswelle überrascht?
Ja, wie die meisten auch. Die Instabilität in gewissen Regionen ist enorm. Vor diesem Hintergrund ist es beunruhigend, wenn die staatliche Entwicklungshilfe stagniert oder gar gesenkt wird. Gleichzeitig sind 80 Millionen Menschen auf der Flucht – das ist nach dem 2. Weltkrieg die grösste Flüchtlingswelle, die wir je gesehen haben. Da kann auch die Privatwirtschaft nicht abseits stehen.

Tut sie zu wenig?
Diese Kritik würde ich mir nicht anmassen. Die Privatwirtschaft macht sehr viel lokal, also in der eigenen Community, zum Beispiel in Zürich oder in Genf. Global zu agieren ist eine grössere Herausforderung, weil der Nutzen nicht unmittelbar sichtbar oder greifbar ist. Doch da müsste mehr gemacht werden. Dabei haben diese grossen globalen Entwicklungen, auch wenn sie weit weg sind, immense Auswirkungen auf die wirtschaftliche Stabilität ganzer Regionen und Kontinente. Meine Überzeugung ist: Es ist im Interesse jeder Firma, dass sich Länder wirtschaftlich entwickeln und prosperieren. Davon profitieren letztlich alle, das gilt besonders für eine Exportnation wie die Schweiz. Das heisst, die Unterstützung armer Länder hat letztlich auch positive Auswirkungen auf uns. Denn es gibt eine Korrelation zwischen sozioökonomischer Stabilität und Welthandel.

 

* Marco Illy ist Head Investmentbanking Schweiz der Credit Suisse. Er engagiert sich beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Bei der SRK-Gala im Dolder Grand am Samstag war die Credit Suisse der Hauptsponsor.