Der Brexit ist nicht nur in Europa ein brennendes Thema, sondern in der ganzen Welt. In China diskutieren Politiker und Unternehmer leidenschaftlich darüber. Als eine in der Schweiz lebende Chinesin möchte ich die Überlegungen chinesischer Verantwortungsträger zu diesem Thema schildern.

2015 wurden von höchster Stelle die Goldenen Jahrzehnte der bilateralen Beziehungen zwischen Grossbritannien und China verkündet. Die Wirtschaftsbeziehungen sollten massiv und nachhaltig ausgebaut werden.

Chinesische Firmen suchen nach Alternativen

Warum zeigte China ein so grosses Interesse am Vereinigten Königreich? Neben historischen Gründen spielten handfeste wirtschaftliche Überlegungen die entscheidende Rolle: Über die Verträge mit Grossbritannien wollte sich China auch Zugang zum europäischen Markt verschaffen - diese waren sehr viel rascher zu erwirken als mit der EU.

Die EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens und dessen Sonderposition in der EU waren Trumpfkarten. So warb das Land mit dem Slogan UK - das Fenster zur EU für Manchester als Business-Standort für chinesische Firmen und für London als das grösste Offshore-Zentrum für die chinesische Währung in Europa. Mit einer Niederlassung in Grossbritannien hofften viele chinesische Firmen, die Handelsbarrieren zur EU aufzuweichen. Beim Staatsbesuch versprach der chinesische Präsident Xi Jingping vergangenen Oktober viel: Etwa eine Direktfluglinie zwischen Manchester und Peking oder den China Cluster Plan mit einem grossen Investitionspaket. Damit sollten Manchester und London attraktive Wirtschaftsmetropolen für chinesische Firmen werden.

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Chinesen wägen Investitionen ab

Der Aufbau enger Wirtschaftsbeziehungen mit der zweitgrössten Wirtschaft der Welt bleibt wohl auch nach dem Brexit von strategischer Bedeutung für Grossbritannien. Aber wie sollen diese nun aussehen? Das Abstimmungsergebnis stimmt die Chinesen nachdenklich: Lohnt es sich, weiter so stark zu investieren? Zahlreiche chinesische Unternehmer, die in Grossbritannien investiert haben, bereuen heute diesen Entscheid. Sie überlegen sich, auf den EU-Kontinent umzusiedeln.

Der Schweiz bieten sich dabei grosse Chancen. Wegen des 2014 unterzeichneten Freihandelsabkommens mit China spielt sie in Europa eine Vorreiterrolle. Und sie besitzt dank den bilateralen Verträgen Zugang zum EU-Markt. Allerdings muss sie sich beeilen. Das unabhängige Grossbritannien wird mit China rasch Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen aufnehmen. Und die Chancen stehen gut, dass es gelingt, noch vor der EU ein Abkommen unterzeichnen zu können.

Schweizer Firmen müssen Freihandel konsequenter nutzen

Die Schweiz hat ihre gute Position bisher nicht konsequent genug ausgenutzt. Bis heute fehlen professionelle Organisationen, Fachleute und Firmen, die den relativ komplizierten Prozess des Güterexports via Freihandelsabkommen nutzen können. In den Freihandelszonen Tianjin und Schanghai fragen verantwortliche Funktionäre deshalb immer wieder, warum so wenige Schweizer Firmen nach China exportieren. Die Nachfrage wäre riesig. Und die Freihandelszonen bieten eine Vielzahl attraktiver und kostenloser Dienstleistungen an, um Importe zu begünstigen.

Wenn es Grossbriannien gelingt, mit China ein Freihandelsabkommen zu unterzeichnen, verliert die Schweiz ihre vorteilhafte Ausgangslage. Es ist für sie höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie die Schweizer Firmen die Vorteile des Freihandelsabkommens mit China konsequent nutzen können. Heute beherrschen deutsche Schokolade sowie Babynahrung und Milchprodukte aus Australien und Neuseeland den chinesischen Markt. Genau in diesem Marktsegment hätte die Schweiz kompetitive Vorteile. Lasst uns diese Chancen nutzen! China braucht einen verlässlichen Partner, der eine enge Beziehung mit der EU hat, aber flexibler und rascher ist als die EU.

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*Juan Wu ist Wirtschaftswissenschaftlerin an ZHAW School of Management and Law.