Die US-Notenbank Fed spannt die Finanzwelt bei der angepeilten Zinswende weiter auf die Folter. Kaum ein Beobachter rechnet damit, dass sie schon am Mittwoch Zentralbankgeld erstmals seit fast zehn Jahren verteuern wird.

Viele hoffen aber zumindest auf einen klaren Hinweis, wann genau sich die Notenbank die Abkehr von der Nullzinspolitik zutraut. Denn es herrscht grosse Unsicherheit, ob es im Dezember oder erst im nächsten Jahr soweit sein wird. Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner erwartet nicht, dass die Fed bereits jetzt für Klarheit sorgt: «Einen Wink mit dem Zaunpfahl zur Vorbereitung der Märkte auf eine etwaige Zinserhöhung im Dezember wird es wohl nicht geben.»

«Alle Optionen offen»

Nach dem Zinsentscheid am Mittwochabend (19.00 MEZ) ist auch keine Pressekonferenz mit Fed-Chefin Janet Yellen geplant. Daher werden sich alle Experten auf das Communiqué stürzen, um es auf mögliche Botschaften zur weiteren Zinspolitik zu durchleuchten.

Ökonom Michael Pond von der britischen Grossbank Barclays erwartet, dass die Fed ein Konjunkturbild zeichnen wird, das neben Licht auch Schattenseiten hat. So könnte sie auf die zuletzt schwächeren Daten vom Arbeitsmarkt verweisen, aber auch auf die nachlassenden Risiken an den Finanzmärkten: «Damit bleiben alle Optionen offen.»

Zögerlicher Kurs

Im September schreckte Yellen nach dem Börsenbeben in China noch vor einer Zinserhöhung zurück, obwohl die US-Wirtschaft eigentlich seit längerem brummt. Mittlerweile haben sich die Märkte jedoch beruhigt. Immer neue Zinssenkungen in China und Konjunkturspritzen der Regierung sorgten mit dafür, dass die ärgsten Sorgen vor einer harten Landung der Wirtschaft im Reich der Mitte gedämpft wurden.

Durch ihren zögerlichen Kurs hat Yellen die Markterwartungen immer stärker in Richtung einer geldpolitischen Straffung im nächsten Jahr gelenkt. Dabei hatte sie stets ihre Absicht einer Erhöhung noch in diesem Jahr betont. Nun sei Yellens Kommunikationstalent gefragt, meint Commerzbank-Ökonom Weidensteiner. Denn die Finanzmärkte hielten eine Erhöhung im Dezember mittlerweile für weniger wahrscheinlich. Da Yellen sie vor einem Zins-Schock bewahren wolle, müsse die Fed-Chefin den Boden für den ersten Schritt zunächst bereiten.

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Zeitpunkt verpasst

Postbank-Ökonom Lucas Kramer hat die Zinswende in diesem Jahr bereits abgeschrieben und rechnet erst für das Frühjahr 2016 damit. Er verweist darauf, dass Yellen bereits nach der Sitzung im September auf die anhaltend niedrige Inflation und Risiken für die US-Wirtschaft durch die globale Konjunkturabkühlung hingewiesen habe: «An dieser Einschätzung dürfte sich in der Zwischenzeit nichts geändert haben.»

Die Notenbank hat nach Ansicht vieler Beobachter den günstigsten Zeitpunkt für eine Anhebung bereits verpasst. Kritiker befürchten, dass die Fed bei einem zu langen Festhalten an der Politik des billigen Geldes Preisblasen an den Märkten Vorschub leistet – etwa an den Aktienbörsen.

Abkühlung der US-Wirtschaft

Im September zögerte Yellen wegen Chinas Konjunkturschwäche, nun könnten ihr schlechtere Daten der heimischen Wirtschaft in die Quere kommen. Denn für die am Donnerstag anstehenden Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt zum dritten Quartal erwarten Experten eine deutliche Abkühlung des Wachstums auf einen aufs Jahr hochgerechneten Wert von 1,6 Prozent. Im Frühjahr hatte die Konjunktur noch um 3,9 Prozent zugelegt.

Nach Ansicht Weidensteiners tobt hinter den Kulissen der Notenbank ein Streit zwischen Vertretern einer straffen und einer lockeren geldpolitischen Linie: «Yellen und ihr Vize Stanley Fischer werden die Zügel bald in die Hand nehmen müssen, um die Kommunikation der Fed wieder zu ordnen.» Dann könnte es zu mehr Klarheit darüber kommen, wann die Fed den Zins anhebt, der seit der globalen Finanzkrise Ende 2008 auf dem Rekordtief von null bis 0,25 Prozent liegt. Ein Auftritt Yellens vor dem Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses am 3. Dezember dürfte Gelegenheit bieten, den Märkten in Sachen Zinswende doch noch einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben.

(reuters/ise)