Die USA und die Europäische Union ringen nach dem Abschuss der Malaysia-Airline um härtere Sanktionen gegen Russland. Damit nimmt die EU nicht mehr nur einzelne Personen oder Firmen ins Visier, sondern grössere Teile der Wirtschaft. Damit soll Russland zur Deeskalation im Kampf zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Soldaten bewegt werden.

Am gestrigen Abend  verhängte die EU nach Angaben von Diplomaten Sanktionen gegen 15 weitere Personen und 18 Einrichtungen. Unter anderem seien neun Unternehmen betroffen, Banken seien nicht darunter. In der kommenden Woche könnte die EU erstmals Strafmassnahmen gegen russische Banken unter staatlicher Kontrolle verhängen.

Finanz- und Rohstoffsektor drohen Probleme

Die Schweiz dürfte wie bei den ersten Sanktionen, welche EU und USA Ende April beschlossen, nachziehen: Der Bundesrat will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Schweiz sei eine Drehscheibe für die Umgehung der Sanktionen.

Doch welche Folgen hätten neue Strafmassnahmen gegen Russland für die hiesige Wirtschaft? Für den Finanzsektor wären schärfere Sanktionen problematisch. Die Vermögensverwaltung für reiche Russen wuchs zuletzt kräftig. Bei der Finanzierung des Rohstoffhandels nehmen Schweizer Banken eine wichtige Rolle ein. Und etwa drei Viertel des Handels von russischem Erdöl werden heute über Genf abgewickelt.

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Nur 1,2 Prozent der Schweizer Exporte nach Russland

Doch davon abgesehen spielt Russland für die Gesamtwirtschaft nur eine untergeordnete Rolle: Im ersten Halbjahr 2014 gingen gerade einmal 1,2 Prozent aller Schweizer Güterexporte nach Russland. Der Wert der Ausfuhren nach Russland belief sich auf 1,28 Milliarden Franken – gegenüber knapp 103 Milliarden Franken insgesamt. Dabei sanken die Exporte gegenüber der zweiten Hälfte 2013 bereits um über 27 Prozent – ohne, dass die Wirtschaft sich bislang massenhaft beklagte.

Zum Vergleich: Nach Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner, verkauften Schweizer Firmen in den ersten sechs Monaten des Jahres 15 Mal mehr als nach Russland. Frankreich und Italien sind fast sechs Mal so wichtig. Selbst in die Vereinigten Arabischen Emirate exportiert die Schweiz mehr Waren als nach Russland.

Das Schweizer Bruttoinlandprodukt liegt heute bei über 600 Milliarden Franken – die Ausfuhren nach Russland machen also gerade 0,2 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung aus.

«Erdgas kann von anderen Anbietern bezogen werden»

Auch die indirekten Handelseffekte dürften für die handelsoffene Schweiz eher begrenzt sein. Die deutsche Wirtschaft ist weniger abhängig von Russland, als es Verbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag gerne glauben machen möchten. Dieser teilte jüngst mit, dass etwa jeder vierte deutsche Exporteur von den Sanktionen betroffen wäre. Dass Wirtschaftsverbände vor allem das Interesse ihrer Mitglieder vertreten, ist bekannt. So sprechen denn auch die Exportzahlen eine andere Sprache: Nur noch rund 3,2 Prozent aller deutschen Exporte gehen nach Russland.

Auch die Abhängigkeit von russischem Erdgas ist weitaus kleiner als dies bei vielen anderen europäischen Ländern der Fall ist. Rund 20 bis 25 Prozent des Schweizer Verbrauchs kommt aus Russland. Zum Vergleich: Deutschland bezog zuletzt rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Dies scheint zunächst massiv, die Researchfirma Capital Economics gibt indes Entwarnung. «Deutschland könnte Erdgas von anderen Anbietern beziehen – etwa Norwegen oder aus der Niederlande.» Dies dürfte teilweise auch für die Schweiz gelten.

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Russlands Zentralbank hebt Zinsen an

Gasproduzenten in Nordafrika und im Nahen Osten wären mögliche weitere Lieferanten – auch für andere europöische Länder. Kurzfristig könnten die Energiepreise zwar steigen, doch: «Andere Gasanbieter hätten ein starkes Interesse an niedrigen Preisen, um Russland dauerhaft Kunden wegzuschnappen», glaubt Julian Jessop, Chefökonom bei Capital Economics.

Unterm Strich bleibt: Russland wäre mit Abstand der grösste Verlierer von schärferen Sanktionen, was Moskau entsprechen in Zugzwang bringen würde. Bereits jetzt dürfte die Wirtschaft in der Rezession stecken: Nach einem Minus zu Jahresbeginn dürfte das Bruttoinlandprodukt (BIP) auch im Frühjahrsquartal geschrumpft sein. Am heutigen Freitag reagierte Russlands Zentralbank: Sie erhöhte den Zins für einwöchige Liquidität um 0,5 Punkte auf 8,0 Prozent. Die Notenbank begründete den Schritt mit der hohen Inflation. Zugleich will Russland mit diesem Schritt ausländisches Kapital anziehen.

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Auch ohne Sanktionen in der Klemme

Für den restlichen Jahresverlauf sieht es ebenfalls düster aus: Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für 2014 nur noch ein BIP-Plus von 0,2 Prozent voraus. Im April hatte er noch 1,3 Prozent veranschlagt. Das Geschäftsklima sei eingebrochen, Kapital fliesse in hohem Masse ab und Investitionsentscheidungen gebe es kaum noch, heisst es im IWF-Bericht zu Russland.

Im kommenden Jahr rechnet der Fonds mit einem Prozent Wachstum. Gut möglich, dass auch diese Zahl noch einmal nach unten korrigiert wird. Denn selbst ohne verschärfte Sanktionen dürften sich Unternehmen und Banken mit neuen Investitionen in Russland vorerst zurückhalten.

(mit Material von Reuters)