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Hans Hess: «Erwachsene können neue Berufe lernen»

Hans Hess Swissmem

Hans Hess: «Das Franken-Stahlbad hat die Schweizer Industrie fitter gemacht.»  Keystone

Quelle: Keystone

Swissmem-Präsident Hans Hess weiss, dass die Digitalisierung seine Branche stark fordert. Auch 50-Jährige werden neue Berufe lernen müssen, sagt er. Hess erläutert, wie das gehen kann.

Von David Vonplon und Marcel Speiser
am 03.11.2017

General Electric (GE) will im Aargau bis zu 1300 Stellen streichen. Erschüttert?

Hans Hess*: Es ist ein Schock. Kommt es tatsächlich zu einem solchen Aderlass, wäre das sehr hart – für die Betroffenen, aber auch für die Industrie. Zumal der Stellenabbau in einem Umfeld geschieht, das für die MEM-Industrie in den letzten Jahren schwierig war. Wir haben allein seit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses im Jahr 2015 gut 12'000 Arbeitsplätze verloren.

GE hat dem Wirtschaftsminister noch Anfang Jahr zugesichert, von weiteren Abbauschritten abzusehen.

Wenn man als Unternehmer sieht, dass sich die Märkte nicht bessern, dann muss man die Kapazitäten anpassen, so traurig der Stellenabbau auch ist. Ich bin als Industrieller leider auch verschiedentlich vor dieser Situation gestanden.

Und wir dachten, dass es mit dem Industriestandort Schweiz aufwärts geht!

Wir gehen weiterhin davon aus, dass es mit dem Abbau von Arbeitsplätzen langsam, aber sicher aufhört. Es handelt sich im Falle von GE um ein Marktproblem. Es geht nicht nur um den Standort Schweiz. Die US-Firma wird sich auch in anderen Ländern strukturell anpassen müssen.

Trotzdem: Der Abbau ist ein verheerendes Signal für den Industriestandort.

Das ist leider richtig. Wir haben eine schwierige Zeit hinter uns. Heute deuten aber diverse Indikatoren darauf hin, dass wir die Talsohle durchschritten haben. Sowohl in der Schweiz als auch in unseren wichtigsten Absatzmärkten sind die Einkäufer sehr optimistisch. Über die Hälfte der Unternehmen geht davon aus, dass sich die Situation 2018 weiter verbessert.

In der Vergangenheit hinkten die tatsächlich realisierten Umsätze den prognostizierten Aufträgen hinterher. Ist es dieses Mal anders?

Es scheint so. Die Umsätze haben 2017 bereits deutlich angezogen. Der Franken ist schwächer geworden. Wir sind darum optimistisch, dass die meisten Firmen nun wieder in die Gewinnzone kommen. Noch im letzten Jahr hat fast jede vierte Firma Verluste geschrieben.

Viele Firmen haben Teile der Produktion ins Ausland verlagert und auf günstigere ausländische Lieferanten gesetzt. Kommt dieses Geschäft wieder zurück?

Unwahrscheinlich. Die Firmen treffen solche Massnahmen, um weniger exponiert zu sein bei künftigen Veränderungen. Der starke Franken ist eine Folge des fehlenden Vertrauens in die Politik in Europa. Und diese Vorbehalte verschwinden nicht, nur weil jetzt der Euro etwas an Boden gewonnen hat. Die Folge ist, dass die Firmen ihre Wertschöpfungsketten internationaler aufstellen. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren einen Low-Cost-Standort im Ausland aufgebaut. Einfachere Produktionsschritte werden dort gemacht. Die anspruchsvolleren Schritte jedoch belassen viele Firmen in der Schweiz.

Tatsächlich?

Für die Schweiz sprechen die politische Stabilität, die hervorragenden Hochschulen und das hohe Ausbildungsniveau. Dafür beneidet man uns im Ausland!

Also droht der Schweiz keine schleichende Deindustrialisierung?

Nein, das glaube ich nicht. Denn die Betriebe gewinnen durch diese Verlagerungen an Wettbewerbsfähigkeit. Das erlaubt ihnen zu wachsen und zu investieren – und das nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz. Sind die Firmen gesund und konkurrenzfähig, profitiert davon auch der Werkplatz Schweiz. Im zweiten Quartal dieses Jahres haben wir bereits wieder gut 2000 neue Stellen schaffen können.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass die Pharma- und Chemieindustrie die Maschinenindustrie mittlerweile überholt hat?

Gar nicht. Ich freue mich über deren Erfolg. Im Übrigen ist es schwierig, die beiden Branchen zu vergleichen. Zu unterschiedlich ist die Struktur: Die Pharma hängt von zwei Weltgiganten ab. Wir sind viel breiter aufgestellt – 90 Prozent unserer Mitglieder sind KMU. Viele von ihnen mischen auf dem Weltmarkt ganz vorne mit – und einige gehören in Sachen Digitalisierung zur Weltspitze.

Sie wollen also sagen, dass die Industrie gestärkt aus der Krise kommt?

Ganz klar. Die Unternehmen haben enorme Anstrengungen unternommen. Sie sind innovativer und agiler geworden, haben ihre Wertschöpfungsketten internationalisiert und ihre Effizienz verbessert. Damit sind sie fitter geworden. Ausnahmen bilden nur jene Firmen, die nun seit Jahren Verluste schrieben: Sie konnten zu wenig in die Zukunft investieren. Insgesamt ist die Industrie nach dem Franken-Stahlbad fitter. Auch wenn die Krise eine Blutspur hinterlassen hat – in Form von 30'000 Arbeitsplätzen, die seit dem Peak im Jahr 2008 verloren gingen.

Viele Firmen tun sich schwer damit, frisches Kapital aufzunehmen.

Es ist wichtig, dass sich die Banken der Verantwortung bewusst sind, die sie beim Bereitstellen von Eigen- und Fremdkapital haben. Für die Firmen ist es von entscheidender Bedeutung, an günstige Kredite heranzukommen. Es ist aber auch klar, dass die Banken zurückhaltend sind, wenn eine Firma drei Jahre lang Verluste geschrieben hat.

Es fehlt also die Risikobereitschaft?

Ja, das ist so. Wir suchen deshalb nach alternativen Lösungen, wie Firmen zu risikobereitem Kapital kommen, damit sie in die Erneuerung des Maschinenparks, in Innovation oder die Digitalisierung investieren können. Glücklicherweise gibt es mittlerweile einige neue Marktteilnehmer, welche in die Bresche springen könnten.

Nämlich?

Fintech-Firmen wenden neuartige Modelle an, die unseren Firmen zugute kommen. Sie suchen Investoren, die risikobereiter sind, Kredite zu geben.

Ist der Einfluss von Fintech-Firmen nicht noch viel zu klein, um die Lücke der Banken füllen zu können?

Wir sind nicht blauäugig. Mein Aufruf, der Industrie mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, geht an alle Marktteilnehmer in der Finanzbranche – vor allem an die klassischen Kreditbanken. Weil aber die Bereitschaft zur Kreditvergabe bei einem Teil der Banken nicht mehr sehr gross ist, müssen wir Alternativen haben.

Bankenvertreter behaupten, dass die meisten Kreditanträge von Industriefirmen gutgeheissen würden.

Die Frage ist, zu welchen Bedingungen. Wir führen derzeit Gespräche mit der Bankiervereinigung. Ziel ist es, dass die Banken Innovations- und Digitalisierungsprojekte anders beurteilen. Für Häuser bekommt man problemlos eine Hypothek. Bei Digitalisierungsprojekten sind die Vorzüge einer Investition mit zukünftigen Cashflows zu begründen. Wir müssen noch Überzeugungsarbeit leisten.

Kein Geld von Banken, stark rückläufige Investitionen: Wie gross ist die Gefahr, dass die Schweizer Industrie vom technologischen Wandel überrollt wird?

Dieses Risiko besteht. Aber ich sehe auch das rasch zunehmende Interesse der Unternehmen, sich digital zu engagieren, nicht zuletzt auch bei KMU. Wir haben vor ein paar Jahren die Plattform Industrie 2025 ins Leben gerufen. Sie erleichtert KMU den Einstieg in das Thema. Mittlerweile haben wir 36 Partner, welche den Industriefirmen in diesem Transformationsprozess helfen. Es hat sich also viel getan.

Ist es nicht so, dass man vor allem über Digitalisierung spricht, aber kaum etwas tut?

Mein Eindruck ist anders: Bei einem Drittel der Maschinenindustriefirmen ist schon viel passiert – die sind sehr gut unterwegs. Ein weiterer Drittel hat den technologischen Wandel eingeleitet – es gibt aber noch viel zu tun. Beim letzten Drittel steht man immer noch am Anfang. Die Digitalisierung ist dort im Moment noch nicht angekommen.

Ein Drittel der Firmem ist also parat für die nächste industrielle Revolution. Genügt Ihnen das?

Nein, wir müssen hier noch mehr Gas geben. Aber viele Firmen sind nahe am Markt dran. Sie sehen, was sich die Kunden wünschen und wie sich ihre Geschäfte vereinfachen lassen. Es wäre falsch zu denken, die Firmen müssten jeden Digitalisierungstrend mitmachen. Die Innovation beginnt damit, dass die Betriebe nahe am Kunden dran sind und die Produkte gemeinsam mit ihnen entwickeln. Die Kunden ziehen die Firmen also mit in die Digitalisierung. Wir müssen nicht überall die Ersten sein, aber wir müssen die Trends erkennen und rasch reagieren.

Studien prophezeien, dass die Hälfte aller Arbeitsplätze in den nächsten dreissig Jahren der Digitalisierung zum Opfer fallen werden. Rechnen auch Sie beim Personal mit einem Aderlass?

Nein. Die Ängste sind für die Industrie unbegründet. Insbesondere in der Maschinenindustrie haben wir heute schon einen sehr hohen Automatisierungsgrad. Einfachere manuelle Arbeit wird heute zu einem grossen Teil im Ausland verrichtet. Zugleich aber braucht es neue Leute mit neuen Fähigkeiten. Nötig sind zum Beispiel Softwareingenieure oder Datenanalysten. Wichtig ist darum, dass wir die Leute mitnehmen auf die Reise und ihnen zeigen, wie sie sich weiterbilden oder sogar umschulen können.

Auf uns kommt also eine veritable Umschulungslawine zu?

Ja. Wenn wir annehmen, dass in den nächsten 15 Jahren rund 20 Prozent der Mitarbeitenden in der Industrie für eine neue berufliche Tätigkeit formell weitergebildet oder umgeschult werden müssen, dann wären das jährlich rund 5000 Umschulungen. Das ist vergleichbar mit der heutigen Lehrlingsausbildung in der Industrie. Deshalb sollten wir das bewältigen können. Gerade darüber habe ich mich kürzlich mit unserem Bildungsminister Johann Schneider-Ammann unterhalten. Es ist noch nicht alles klar, aber wir bleiben am Ball.

Was sagen Sie dem Fräser, dessen Arbeit künftig von einem Roboter gemacht wird: Soll er sich zum Programmierer umschulen lassen?

Vielleicht. Wichtig ist, dass wir diesen Menschen aufzeigen können, dass es möglich ist, auch als Erwachsener einen neuen Beruf zu erlernen – auch im fortgeschrittenen Alter. Wir sollten diese Leute nicht mit einem Grundeinkommen abspeisen. Arbeit ist auch Lebensinhalt.

Was schlagen Sie konkret vor?

Wir haben eine Online-Plattform für Arbeitnehmer aufgebaut. Sie heisst Find-your-Future. Der Arbeitnehmer erhält dort Vorschläge, wie er sich weiterbilden kann und wo Arbeitsstellen offen sind. Diese Plattform müssen wir ausbauen für Leute, die einen ganz neuen Beruf erlernen wollen. Gleichzeitig müssen wir aufzeigen, was dieser Schritt bedeutet, welchen Aufwand dafür betrieben werden muss und was es kostet.

Also soll der Fräser doch Datenanalyst werden?

Benötigt eine Firma einen Datenanalysten, kann sie einen Lehrvertrag mit einem Erwachsenen abschliessen, der auf der Plattform Interesse an einem solchen Job bekundet. Das duale Bildungssystem könnte hier ein Vorbild sein.

Und was, wenn der Datenanalyst in spe Familienvater ist und mit einem Lehrlingslohn nicht durchkommt?

Ein Modell könnte sein, dass der Auszubildende weiterhin in seiner alten Firma in seinem alten Job arbeiten kann. Allerdings Teilzeit, zum Beispiel zwei Tage, zum alten Lohn. Einen Tag geht der auszubildende Erwachsene zur Schule und zwei weitere Tage arbeitet er beim neuen Arbeitgeber. Von ihm bekommt er anfänglich zwar einen niedrigeren Lohn, weil er ja im neuen Beruf noch nicht voll ausgebildet ist. Insgesamt sollte die Lohneinbusse aber so auch für Eltern tragbar sein.

Und wer finanziert das alles?

Wir schlagen vor, dass die Schulbildung der Lernenden durch Stipendien bezahlt würde. Noch ist das allerdings nicht möglich, weil es für Stipendien in den meisten Kantonen eine Altersbeschränkung von 35 Jahren gibt. Das müsste man aufweichen. Solche Darlehen für die Weiterbildung sollen beispielsweise auch Fünfzigjährige erhalten dürfen.

Reicht das als Anreiz?

Das Modell hilft Arbeitnehmern, die auf einem Stumpengleis gelandet sind. Zwar muss man einen gewissen Lohneinbruch hinnehmen. Aber man kommt damit durch – und kann schon nach zwei Jahren in einem neuen Beruf arbeiten. Und der Staat hat sich die Sozialkosten eines Arbeitslosen gespart.

Die Firmen wählen doch heute in der Rekrutierung nur noch Arbeitskräfte aus, die exakt auf die Stelle passen. In Ausbildung investieren will kaum mehr ein Unternehmen. Da holt man sich die Fachkraft lieber im Ausland.

Für die Maschinenindustrie stimmt das sicher nicht.

Nein?

Nein. Noch immer bilden fast 70 Prozent der Firmen jugendliche Lernende aus. Sie wissen: In den ersten beiden Lehrjahren können die Lernenden noch nicht allzu viel – die Firma zahlt drauf. Doch im letzten Jahr zahlt sich die Anstellung von Lernenden aus. Ich sehe keinen Grund, weshalb dieses Modell nicht auch mit Erwachsenen aufgehen sollte. Wir müssen diese Idee nur in die Köpfe reinbringen. Swissmem arbeitet daran.

*Hans Hess ist seit 2010 Präsident vom Industrieverband Swissmem und Vize-Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse. Der frühere CEO von Leica Geosystems hält ausserdem mehrere Verwaltungsratsmandate.

Welche Fähigkeiten Studenten in Zukunft brauchen:

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