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Ausblick
Harvard-Ökonom Rogoff stärkt SNB den Rücken

Kenneth Rogoff: In Zürich plädierte der Harvard-Ökonom für die Abschaffung des Bargelds.

Starökonom Kenneth Rogoff wähnt die Welt der Notenbanken vor grossen Umwälzungen: Negative Zinsen wie in der Schweiz könnten bald häufig vorkommen – Voraussetzung ist eine einschneidende Veränderung.

Von Mathias Ohanian
am 25.06.2015

Kein Thema polarisiert in der Ökonomenzunft derzeit mehr als die negativen Zinsen. Die meisten Fachleute sehen darin lediglich eine temporäre Massnahme. Anderer Auffassung ist der renommierte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff: Er sieht generell das Ende für die gewohnte Zinsuntergrenze von 0 Prozent kommen, wie er an einem Referat diese Woche an der Universität Zürich ausführte.

Für die Welt der Notenbanken stellt er in der anstehenden Dekade «grosse Veränderungen» in Aussicht, die bei der Bekämpfung von künftigen Krisen einen «grossen Unterschied» machen könnten. Die Nullzinsgrenze sei «ein grosses Problem», sagte der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds.

Notenbanken vor «bedeutender Transformation»

Ihre Aufgabe werde für die Notenbanken eine «bedeutende Transformation» darstellen - vergleichbar mit dem Ende des Goldstandards und der Einführung flexibler Wechselkurse, so der Amerikaner bei seinem Vortrag, zu dem das UBS International Center of Economics in Society geladen hatte.

Rogoff zählt zu den einflussreichsten Ökonomen der Welt. In der Debatte um die hohen Staatsschulden in Südeuropa gilt seine Forschung vielen Ökonomen und Politikern als wegweisend. Mit seinem Plädoyer für die Aufgabe der Nullzinsgrenze stärkt Rogoff der Schweizerischen Nationalbank, die vor rund fünf Monaten negative Zinsen in der Schweiz einführte, den Rücken.

Die Gefahren von Bargeld

Angesichts der hohen Budgetdefizite besitzen viele Staaten rund um den Globus keine finanziellen Mittel mehr zur Stabilisierung der Konjunktur. Angesichts rekordniedriger Zinsen hat auch die konventionelle Geldpolitik keinen Spielraum mehr.

Doch auch Negativzinsen bärgen Gefahren: Rutschten die Zinsen zu weit in den negativen Bereich, Rogoff nannte die Marke von minus 2 Prozent, würde es für Investoren attraktiver, Bargeld zu halten. So sei das grösste Hindernis für Negativzinsen «unfassbar einfach»: Die Hortung von Bargeld stellt laut Rogoff die grösste Sorge für Zentralbanken bei der Einführung von Negativzinsen dar. Dies gelte vor allem für die Schweiz mit ihren 1000-Franken-Noten. Andere theoretische Probleme, etwa an den Geldmärkten, seien laut Rogoff hingegen lösbar.

«Irrsinnige Menge an Bargeld im Umlauf»

Entsprechend plädiert der Harvard-Ökonom dafür, Bargeld stufenweise abzuschaffen. Dafür gebe es eine Reihe guter Gründe, so der Ökonom. «In jedem Land – nicht nur in der Schweiz oder in den USA – ist eine irrsinnige Menge an Bargeld im Umlauf.» Niemand wisse genau, wo sich dieses Geld befinde.

In den USA etwa seien 4000 Dollar Bargeld pro Person – Männer, Frauen und Kinder – im Umlauf. Rogoff geht es dabei nicht darum, kleinere Scheine und Münzen abzuschaffen - sondern die grossen Banknoten. Ein weiterer Vorteil einer bargeldlosen Welt, den Rogoff anführte: Dann könnten kleinere und mittlere Unternehmen weniger leicht ihre Steuerpflichten umgehen.

Dieser Artikel ist in der neuen «Handelszeitung» erschienen – ab heute am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

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