Mekka liegt im Westen. Aus der Schweiz fliegen stetig Unternehmer, Manager und Entwickler ins Silicon Valley, um den Digitalgurus über die Schulter zu blicken. Einige Firmen leisten sich ein eigenes Inspirationsbüro zwischen Menlo Park und Palo Alto. Es gibt Startup-Wettbewerbe, die eine Studienreise nach Nordkalifornien versprechen; spezialisierte Agenturen helfen dabei gern weiter und organisieren «Silicon Valley Innovation Tours» oder sogar «Silicon Valley Boot Camps».

Wer zu Google, Apple und ihren Garagen pilgert, sucht einen ganz besonderen Vibe. Und er findet: einen Cluster.

Dies die trockenere Umschreibung des Silicon-Valley-Falles. Im Kern ist die Geschichte ja gut bekannt: Aus einigen Rüstungs- und Chipsfirmen sowie der Stanford University entstand dort ein Biotop von Firmen, die sich gegenseitig befruchten und starkmachen – und die am Ende immer wieder neue Entwicklungsstufen zünden.

Wo entsteht denn die Zukunft?

Das Phänomen ist gut erforscht, man kennt es auch aus Süddeutschland (Automobilbranche) oder Norditalien (Mode). Nur: In der gängigen Wahrnehmung ist das Valley etwas ganz anderes – irgendwie magisch. Es macht die Zukunft. Das hat damit zu tun, dass es in den letzten Jahrzehnten tatsächlich die Führungstechnologie beherbergte und die digitale Revolu­tion anführte. Ergo wurden dort auch kapitale Firmenriesen geboren.

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Im deutschen Sprachraum suhlt man sich derweil im Lamento, dass wir hinterherhinken. Dabei hat die Schweiz ihr eigenes Zukunfts-Valley ausgebildet – in Bereichen, welche die Führungstechnologien der nächsten Jahrzehnte darstellen dürften. Der Sammelbegriff lautet: Healthcare.

Wir orientieren uns an alten Amazons und Facebooks

Im Medtech-Sektor wurde das Land diskret zur Grossmacht: In keinem anderen Land trägt die Branche so viel zur Gesamtwirtschaft bei. Und gleich daneben steht die Life-Sciences-Industrie von Basel bis zum Arc lémanique – ein mächtiger Cluster, die passende Ergänzung obendrein.

Unterhalb von Novartis und ­Roche, Straumann und Sonova wächst und wuchert es dabei kräftig. Da investiert das Ludwig Institute for Cancer Research über 100 Millionen Franken in Lausanne. Da sahnen die einschlägigen Firmen bei ­allen Startup-Preisen ab. Auch die aussichtsreichen Einhörner – Firmen, die bald über 1 Milliarde Dollar wert sein könnten – werkeln an der Gesundheitsversorgung der Zukunft, etwa Mindmaze oder Sophia Genetics. Und daneben liefern hiesige Uni-Institute global beachtete Ergebnisse zum Beispiel in der Artificial-Intelligence- oder Roboter-Medizin.

Trotzdem gehört es zum grüblerischen Selbstbild, dass wir nicht fähig sind, das nächste Facebook auf den Weg zu bringen. Und die IT-Förderung ist ein Dauerbrenner in Bildungs-, Technologie- und Regionalpolitik – als ob die Schweiz Kalifornien nacheifern müsste.

Das Bewusstsein, dass das nächste Amazon gewiss nicht im  Social-Media- und Algorithmen-Geschäft tätig sein wird, aber mit schöner Wahrscheinlichkeit im Bereich Healthcare: Es könnte neue Zuversicht, neue Szenarien und neue Kräfte zur Konzentration wecken.

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