Die Vorschusslorbeeren sind gross, ebenso die Erwartungen: Erstmals seit 30 Jahren hat eine Partei in Indien wieder ein absolute Mehrheit errungen. Neuer Premier wird der 63-jährige Narendra Modi von der hindu-nationalistischen Partei BJP. An den Börsen wurde der Regierungswechsel gefeiert: Nach wochenlangen Zugewinnen machte der Sensex, Indiens wichtigster Leitindex, am Freitag erneut einen kräftigen Satz: Nach einem Plus um sechs Prozent erreichte er ein neues Rekordhoch.

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Wähler und Investoren setzen grosse Hoffnungen in den designierten Premier, der im Wahlkampf versprochen hatte, die lahmende Wirtschaft wieder aufzupeppeln. Modi will Jobs schaffen, die Korruption bekämpfen und selbst die abgelegensten Dörfer mit Strom und Strassen versorgen. Doch wie erfolgreich kann Modi sein?

Modi gilt als Mann der Wirtschaft

Immerhin: Er gilt als Mann der Wirtschaft. Seine Anhänger verweisen auf Modis erfolgreiche Zeit im Bundesstaats Gujarat, nordwestlich der Hauptstadt Mumbai. Seit 2001 ist er dort Ministerpräsident und gilt als effizienter Verwalter. Von 2005 bis 2012 wuchs die Wirtschaft in Gujarat mit durchschnittlich über 10 Prozent jährlich schneller als die fast aller anderen grösseren Bundesstaaten.

«Fährt die Regierung keinen nationalistischen oder antisäkularen Kurs, verspricht der Wahlsieg Wirtschaftswachstum und Stabilität», sagt Waseem Hussain, Chef der Zürcher Unternehmensberatung Marwas, die Unternehmen unterstützt, in Indien Fuss zu fassen. Auch Bankanalysten wie jene von Morgan Stanley geben sich zuversichtlich. Sie rechnen damit, dass die Wirtschaft unter Modi in den kommenden Jahren wieder um bis zu sieben Prozent wachsen könnte.

Die Herausforderungen sind gross

Doch es ist fraglich, ob das ausreicht, um den vielen Indern genügend Jobs zu verschaffen. Bereits in wenigen Jahren dürfte Indien rund ein Viertel der weltweiten Erwerbsbevölkerung stellen, besagen Schätzungen. Entsprechend hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Anfangseuphorie nach dem Erdrutschsieg schon bald einer realistischeren Einschätzung weicht.

Zumal der Weg zurück zu alten Erfolgen weit ist: Nach einem Zuwachs von zehn Prozent nach der globalen Finanzkrise wuchs das Bruttoinlandprodukt im vergangenen Jahr nur noch um 4,3 Prozent. Die Inflation ist mit knapp neun Prozent bedrohlich hoch und belastet vor allem die Armen im Land.

Unter dem langjährigen Vorgänger Manmohan Singh wurden in den vergangenen Jahren wichtige Reformen verschlafen. Die bürokratischen Hürden für Unternehmen sind in vielen Bundesstaaten viel zu hoch. Korruption ist ebenfalls ein grosses Problem. Hinzu kommt ein kompliziertes Steuersystem. Und noch immer hält der Staat viele Anteile an wichtigen Firmen. Immerhin: Mit Modi sei nun mit mehr Privatisierungen zu rechnen, glaubt Fondsmanager Avinash Vazirani des britischen Investmenthauses Jupiter.