Die indische Regierung zwingt ihr Land auf den Weg zur bargeldlosen Gesellschaft vorwärts. Fast ohne Vorwarnung erklärte sie alle Banknoten im Wert von mehr als 1,46 Franken für wertlos. Das soll die Schattenwirtschaft eindämmen.

Eigentlich sollte der indische Premierminister Narendra Modi am Dienstagabend eine eher unspektakuläre TV-Ansprache an die Nation halten. Doch was er sagte, löste ein wirtschaftliches Beben aus, dessen Folgen noch nicht absehbar sind.

Das meiste Bargeld nichts mehr wert

Gegen 20.30 Uhr verkündete der mächtigste Mann Indiens, dass nur wenige Stunden später das meiste Bargeld im Land nichts mehr wert sein würde.

«Um uns aus dem Griff von Korruption und Schwarzgeld zu befreien, haben wir entschieden, dass die aktuellen 500- und 1000-Rupien-Noten nicht mehr gültig sind», sagte Modi. Ein 1000-Rupien-Schein, bisher die grösste Banknote im Land, ist gerade einmal 14,60 Franken wert. Schon um Mitternacht sollte er nichts mehr wert sein. Die grösste legale Banknote im Land ist nun der 100-Rupien-Schein - rund 1,46 Franken.

Schon kurz nach Modis Ansprache bildeten sich lange Schlangen vor den Geldautomaten, die aber entweder gar kein Geld mehr oder nur noch minimale Beträge ausspuckten.

Am Mittwochmorgen stauten sich die Autos vor den staatlichen Tankstellen und Apotheken, die zu den wenigen Stellen gehörten, die ein paar Tage lang noch grosse Scheine annehmen durften. Den meisten von ihnen ging bereits am frühen Morgen das Wechselgeld aus, was häufig zu lautstarken Auseinandersetzungen führte.

Kleinere Geschäfte und Strassenhändler hatten sichtlich weniger Kunden - was angesichts fehlender Geräte für bargeldlose Zahlung auch vorerst so bleiben dürfte.

Monatlich 4000 Rupien dürfen getauscht werden

Noch bis zum 30. Dezember haben Bargeldbesitzer nun Zeit, ihr Geld zur Bank zu bringen oder gegen neu entwickelte Banknoten im Wert von 500 oder 2000 Rupien zu tauschen, die die indische Notenbank RBI ab Donnerstag versprochen hat.

Bargeld soll jedoch auch danach knapp bleiben: Gerade einmal 4000 Rupien (rund 58 Franken) dürfen direkt getauscht werden, der Rest muss auf ein indisches Konto eingezahlt werden.

Anschliessend bleiben Abhebungen an Geldautomaten auf 4000 Rupien pro Tag limitiert, wer direkt in die Filiale geht, darf pro Woche zunächst nicht mehr als 20'000 Rupien abheben.

«Eine ganze Währung so auszutauschen wird die Wirtschaft kurzfristig bremsen», schreibt Fondsmanager Sandip Sabharwal auf Twitter. «Aber dafür werden die Bankeinlagen sprunghaft steigen und die Zinsen spürbar sinken.»

Ziel: Ende der Schattenwirtschaft

Die indische Regierung erhofft sich durch den Zwang zum papierlosen Geld vor allem ein Ende der Schattenwirtschaft, die verschiedenen Schätzungen zufolge ein Fünftel bis ein Viertel der indischen Wirtschaftskraft ausmacht.

Besonders schmerzhaft dürfte die Umstellung für diejenigen werden, die kein Bankkonto haben. Laut Weltbank waren das im Jahr 2014 fast die Hälfte aller Inder. «Indien bleibt eine auf Bargeld basierende Wirtschaft», beginnt selbst die indische Notenbank ihre Erklärung zur Aktion.

Zu denen, die kein indisches Konto haben, gehören auch Touristen. Ihnen erlaubt die RBI noch bis einschliesslich Freitag, bis zu 5000 Rupien in ihre eigene Währung zurück zu tauschen, jedoch ausschliesslich in Wechselstuben an Flughäfen.

Wie gross das wirtschaftliche Beben durch die Überraschungsreform tatsächlich wird, werden sie danach wohl nur noch aus der Ferne miterleben.

(sda/chb)

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