Die heutige fragile Weltwirtschaft ist vielen Risiken ausgesetzt: Dem ­Risiko eines weiteren Aufflackerns der Krise in der Euro-Zone, dem ­Risiko eines unerwartet starken Abschwungs in China und dem Risiko, dass die wirtschaftliche Erholung in den USA (wieder einmal) im Sande verläuft. Doch kein Risiko ist ernster als die Gefahr, die von einem weiteren steilen Anstieg des Ölpreises ausgeht.

Der Preis von Rohöl der Sorte Brent, der 2011 deutlich unter 100 Dollar pro Fass lag, erreichte kürzlich mit 125 Dollar einen neuen Spitzenwert. Die Benzinpreise in den USA nähern sich dem Wert von 4 Dollar pro Gallone – einer für das Konsumentenvertrauen kritischen Schwelle – und werden während der nachfragestarken Sommersaison weiter anziehen.

Der Grund hierfür ist Furcht. Es gibt nicht nur jede Menge Öl, sondern die Nachfrage in den USA und in Europa ist aufgrund des Rückgangs bei der Auto-Nutzung in den vergangenen Jahren und eines schwachen bis negativen Wachstums in den USA und der Euro-Zone zusätzlich gefallen. Um es einfach auszudrücken: Die zunehmenden Sorgen über einen militärischen Konflikt zwischen Israel und dem Iran haben zu einem Angstaufschlag geführt.

Anzeige

Die letzten drei globalen Rezessionen (vor 2008) wurden jeweils durch eine geopolitische Erschütterung im Nahen Osten verursacht, die zu einem steilen Ausschlag der Ölpreise führte. Der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten von 1973 führte zu einer globalen Stagflation (Rezession plus Inflation) von 1974 und 1975. Die iranische Revolution von 1979 führte zu einer globalen Stagflation von 1980 bis 1982. Und der Einmarsch des Irak in Kuwait im Sommer 1990 führte zu der globalen Rezession der Jahre 1990 und 1991.

Die Gefahr eines Militärschlags mag gering sein – aber sie steigt

Selbst die jüngste globale Rezession wurde, obwohl sie durch eine Finanzkrise ausgelöst wurde, durch den steilen Anstieg der Ölpreise 2008 verschärft. Als der Preis pro Fass im Juli jenes Jahres 145 Dollar erreichte, standen Öl importierende, hoch entwickelte Volkswirtschaften und Schwellenmärkte gleichermassen an einem rezessionären Kipppunkt.

Die Gefahr, dass die israelische Drohung, die iranischen Nuklearanlagen anzugreifen, tatsächlich zu einem offenen militärischen Konflikt führt, mag nach wie vor gering sein, aber sie steigt. Der jüngste Besuch des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netan­jahu in den USA hat gezeigt, dass die Lunte in Israel sehr viel kürzer ist als bei den Amerikanern. Die gegenwärtigen Wortgefechte eskalieren, und dasselbe gilt für den heimlichen Krieg, den Israel und die USA angeblich im Iran führen (mit Ermordungen von Nuklearwissenschaftlern und einem Cyberkrieg zur Beschädigung von Nuklearanlagen).

Der Iran, der angesichts zunehmend schmerzhafterer Sanktionen, insbesondere der jüngsten Swift- und Notenbankbeschränkungen und der europäischen Entscheidung eines Einfuhrstopps für iranisches Öl, mit dem Rücken zur Wand steht, könnte reagieren. Der Mullah-Staat könnte problemlos Schiffe versenken, um die Strasse von Hormus zu blockieren. Oder er könnte die ihm nahestehenden Kräfte von der Leine lassen – die pro-iranischen Schiiten im Irak, Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien, die Hisbollah in Libanon und die Hamas und der Islamische Dschihad in Gaza.

Anzeige

Die jüngsten Anschläge auf israelische Botschaften weltweit scheinen eine Reaktion des Iran auf den heimlichen Krieg, der gegen das Land geführt wird, und auf die verschärften Sanktionen, die die Auswirkungen des wirtschaftlichen Missmanagements des Regimes verstärken. In ähnlicher Weise könnte die jüngste Eskalation der grenzübergreifenden Kämpfe zwischen Israel und den militanten ­Palästinensern im Gazastreifen ein Vorzeichen für kommende Entwicklungen sein.

Israel möchte noch dieses Jahr zuschlagen

In den nächsten Wochen – in denen die USA, Frankreich, Deutschland, Grossbritan­nien, China und Russland eine weitere Runde von Versuchen unternehmen werden, Iran an der Entwicklung von Nuklearwaffen oder der Fähigkeit, diese zu produzieren, zu hindern – könnten sich die Spannungen verringern. Doch wenn dieser Versuch scheitert, was wahrscheinlich ist, ist nicht auszuschliessen, dass ­Israel und die USA bis zum Sommer übereinkommen, dass der Iran gewaltsam gestoppt werden muss – und zwar eher früher als später.

Anzeige

Noch sind sich Israel und die Vereinigten Staaten in einigen Punkten uneinig – Israel möchte noch in diesem Jahr zuschlagen, während die Obama-Regierung gegen einen Militärangriff vor den Wahlen im November ist –, doch beide Seiten kommen sich, was ihre Ziele und Pläne angeht, immer näher. Vor allem lehnen die USA inzwischen ein Containment (das heisst die Akzeptanz eines nuklearen Iran bei gleichzeitiger Verfolgung einer Strategie der Abschreckung) eindeutig ab. Falls also Sanktionen und Verhandlungen nicht glaubwürdig funktionieren, werden die USA (ein Land, das laut Obama «nicht blufft») militärisch gegen den Iran vorgehen müssen. Die USA stellen ­Israel inzwischen bunkerbrechende Bomben und Tankflugzeuge zur Verfügung, und die Streitkräfte beider Länder verstärken ihre gemeinsamen Militärübungen für den Fall, dass ein Angriff nötig und unvermeidbar wird.

Anzeige

Unsicherheit über die Entwicklung in Ägypten und Syrien

Falls die Trommeln des Krieges in diesem Sommer lauter schlagen, könnten die Ölpreise in einer Weise steigen, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen Konjunkturabschwung in den USA und weltweit verursachen wird – und falls ein militärischer Konflikt ausbricht, der die Ölpreise in die Höhe treibt, sogar eine ausgewachsene Rezession.

Zudem ist kein Nachlassen der weiteren geopolitischen Spannungen im Nahen Osten zu erkennen; sie könnten sich sogar noch verschärfen. Neben der tiefen Unsicherheit in ­Bezug auf die Entwicklungen in Ägypten und Libyen steht nun Syrien am Rande eines Bürgerkrieges, und im Jemen könnten radikale Kräfte die Oberhand gewinnen, was die Sicherheit in Saudi-Arabien untergraben würde. Und es bestehen noch immer Sorgen über zunehmende politische Spannungen in Bahrain und der ölreichen östlichen Provinz Saudi-Arabiens und potenziell sogar in Kuwait und Jordanien – alles Gebiete mit erheblicher schiitischer Bevölkerung oder anderen unruhigen Gruppierungen.

Anzeige

Nun, da die USA den Irak verlassen haben, lassen die wachsenden Spannungen zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten für die Fähigkeit des Landes, seine Ölproduktion kurzfristig zu steigern, nichts Gutes erwarten. Und dann sind da noch der anhaltende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, die angespannten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei sowie weitere Brennpunkte – insbesondere Afghanistan und Pakistan – im weiteren Umfeld.

Der Ölpreis steht schon jetzt bei deutlich über 100 Dollar pro Fass, und dies trotz schwachen Wirtschaftswachstums in den hochentwickelten Ländern und vielen Schwellenmärkten. Der Angstaufschlag könnte die Preise noch deutlich in die Höhe treiben, selbst wenn es letztlich nicht zu einem militärischen Konflikt kommt. Und im Falle eines Krieges könnte der steigende Ölpreis gar eine globale Rezession auslösen.

Anzeige

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University und Gründer von Roubini Global Economics. © Project Syndicate 2012