Die Gefahr einer erneuten Weltwirtschaftskrise lässt laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) weiter nach. Die globale Konjunktur habe sich stabilisiert und das Wachstum werde zunehmen, erklärte die Organisation am Dienstag. Jedoch seien nicht alle Risiken verschwunden.

Deflationsgefahren in Europa, weniger Wachstumsdynamik in Brasilien, Südafrika und Russland sowie die Krim-Krise: Das bereitet dem IWF trotz fortschreitender Erholung der Weltwirtschaft Sorgen. «Insgesamt neigt sich die Waagschale bei den Risiken immer noch auf die negative Seite – auch wenn sich die Situation verbessert hat», heisst es im am Dienstag vorgestellten Weltwirtschafts-Ausblick. Daher nahm der IWF seine Prognose für das globale Wachstum etwas zurück, hob die Vorhersagen für Deutschland und die Euro-Zone aber leicht an. Der Europäischen Zentralbank (EZB) legt der IWF eine weitere geldpolitische Lockerung nahe.

IWF erwartet 3,6 Prozent Wachstum

Die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft liegt nun bei 3,6 Prozent in diesem und 3,9 Prozent im nächsten Jahr um je 0,1 Punkte unter der Schätzung vom Januar. Seine Vorhersagen für die USA behielt der IWF ebenso wie für die Industrieländer insgesamt und auch die zweitgrösste Wirtschaftsnation China bei. Deutschland kommt indes besser weg. Statt bislang vorhergesagten je 1,5 Prozent Wachstum für 2014 und 2015 geht der IWF nun von 1,7 und 1,6 Prozent aus. Damit ist er aber etwas vorsichtiger als die Bundesregierung, die 1,8 beziehungsweise zwei Prozent erwartet. Die Euro-Zone bleibt mit einem erwarteten Plus von 1,2 Prozent 2014 und 1,5 Prozent 2015 hinter Deutschland zurück. Für Brasilien, Südafrika und auch Russland – als Folge der Krim-Krise – schraubt der IWF seine Vorhersagen relativ stark zurück.

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Auf den ersten Blick zeichnet der Fonds ein günstigeres Bild von der allgemeinen Weltwirtschaftslage. Der Aufschwung in den Industrieländern habe an Breite gewonnen. Die Staatshaushalte seien gesünder geworden. Die Investoren hätten wieder mehr Zutrauen in Schuldenländer. Die Banken seien weithin stabiler geworden und die akuten Wachstums-Risiken hätten abgenommen. Bei wichtigen Zentralbanken stehe nach einer langen Phase einer ultra-lockeren Geldpolitik inzwischen eine Normalisierung an. Dabei denkt der IWF offenbar vor allem an die US-Notenbank Fed, die ihre Anleihenkäufe in jüngster Zeit bereits reduzierte.

Dennoch sieht der IWF Gefahren, bereits bekannte und auch neue. Er nennt geopolitische Unsicherheiten wie die Krim-Krise, die Niedrig-Inflation vor allem in Europa und die Schwäche grosser Volkswirtschaften wie Brasilien und Südafrika.

Warnung vor den Gefahren einer Deflation

Mit Sorge sieht der IWF auch die relativ niedrige Teuerung in grossen Industrieländern, vor allem aber in der Euro-Zone. «Viele Überlegungen legen den Schluss nahe, dass jetzt eine grössere geldpolitische Lockerung erforderlich wäre - und zwar unter Einschluss unkonventioneller Massnahmen», schreibt der Fonds. Dass die Inflation im Euro-Raum deutlich unter dem EZB-Orientierungswert von zwei Prozent bleibe, dauere nun schon zu lange an. Gefährdet seien vor allem die Krisenländer im Währungsraum. Geschehe nichts, könne etwa Griechenland noch tiefer in eine Deflation zurückfallen, was deren Chancen auf eine Rückkehr zu einem soliden Wachstum erheblich verringere.

IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard erklärte zudem, das Wachstumspotenzial vieler Industrieländer, vor allem in Europa, sei sehr gering. Das mache Schritte zur Stärkung der Wachstumskraft durch strukturelle Reformen am Arbeitsmarkt und in anderen Bereichen umso dringlicher. Auch in manchen Schwellenländern hätten die Wachstumsmöglichkeiten offenbar abgenommen. Zudem werde die ungleiche Einkommensverteilung in der Welt zu einem immer grösseren Problem. 

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(sda/reuters/me/sim)