Für Internetunternehmen wie Tumblr werden wieder Milliardensummen gezahlt. Droht der Wall Street schon bald die nächste Blase der Technologieaktien?
Jan Hatzius:
Nicht nur in den USA entwickeln sich die Aktienmärkte seit einiger Zeit gut. Die Frage ist, ob sich die Aktienmärkte mittlerweile von der wirtschaftlichen Realität abgekoppelt haben.

Wie lautet Ihre Antwort?
Mein Eindruck ist, dass das Umfeld für Aktien relativ gut ist. Nicht nur, was die wirtschaftliche Entwicklung der USA angeht, sondern auch, was andere Anlageklassen angeht. Die Bewertung von Aktien ist nicht zu hoch.

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Derweil treibt die amerikanische Notenbank mit ihrer expansiven Geldpolitik die Aktienmärkte weiter nach oben.
Die expansive Geldpolitik der US-Notenbank Fed ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Aktienmärkte sich so gut entwickeln. Aber eine Lockerung der Finanzbedingungen ist ja auch der Sinn der Sache, wenn die Inflation niedrig ist und die Arbeitslosigkeit immer noch sehr hoch ist. Dann muss die Geldpolitik expansiv sein, um wirken zu können. Wenn die Zinsen nahe null liegen, braucht es eben unkonventionelle Wege für die Geldpolitik.

Wie ist Ihr Konjunkturausblick für die grösste Volkswirtschaft der Welt?
Ich rechne für 2013 mit einem verhaltenen Wirtschaftswachstum in den USA, gefolgt von einer Beschleunigung im Jahr 2014. Trotz Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen sollte dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 2 Prozent zu schaffen sein, insbesondere durch eine Verbesserung im privaten Sektor. Auch im Immobilienmarkt ist die Situation deutlich positiver geworden. Es gibt einen Anstieg der Bauinvestitionen. Mit Blick auf den Wohnraum, der in den USA zusätzlich nötig wird, sollte es einen weiteren Zuwachs geben. Das ist alles natürlich noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Von einer neuen Blase am Immobilienmarkt sind wir sehr weit entfernt.

Wenn sich die Konjunkturlage in den USA verbessert, wann schlägt die Fed eine härtere Gangart ein und fährt zum Beispiel die Anleihenkäufe zurück?
Ich denke, Anfang 2014 wird die Fed langsam damit beginnen, die Anleihenkäufe zurückzufahren. Im dritten Quartal 2014 dürften die Anleihenkäufe dann zu einem Ende gekommen sein. Derzeit gibt es für Fed-Chef Ben Bernanke kaum einen Grund, seine Strategie zu ändern. Die Wirtschaftsdaten sind einigermassen gut, aber die Inflation liegt unter dem Ziel der Notenbank. Es zählt Kontinuität.

Sie haben früh vor der Finanzkrise gewarnt – nun wirken Sie ziemlich entspannt. Ist alles gut?
Die Risiken sind deutlich geringer geworden, als es vor 6 Monaten oder auch 24 Monaten noch der Fall war. Das gilt insbesondere für die US-Fiskalpolitik.

Und der Blick von Wall Street auf Europa?
Der Blick ist auf jeden Fall positiver geworden, weil die EZB sich eindeutiger zu ihrer Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz bekannt hat – sowohl für Banken also auch für Krisenstaaten in der europäischen Peripherie. Die Anpassungen in solchen Ländern bleiben aber schmerzhaft, die Rezession in Europa geht weiter. Vielleicht wird es etwas besser in der zweiten Jahreshälfte, es bleibt aber eine Stagnation.

Auch die USA sind enorm verschuldet, warum soll sich dort die Lage schneller bessern?
Klar, die Staatsverschuldung ist auch in den USA höher als vor der Krise, und langfristig müssen die staatlichen Gesundheitskosten gedämpft werden. In den nächsten paar Jahren sehe ich aber kein grosses fiskalisches Problem. Der Eindruck in Europa, dass die USA kurz vor einer Staatsschuldenkrise stehen, war nie richtig und wird immer stärker durch die besseren US-Budgetdaten widerlegt.

Was sorgt Sie überhaupt noch?
Europa gibt immer noch Anlass zur Sorge. Wenn etwa die Peripherieländer die Sparpolitik aufgeben und auf Konfrontationskurs zu Berlin und Brüssel gehen, kann ich mir vorstellen, dass die Euro-Krise wieder aufflackert. Der Euro wird aber Bestand haben.

Wie ist die Lage in der Schweiz? Sollte die Schweizerische Nationalbank an ihrer Euro-Mindestkurs-Politik festhalten?
Ich denke, dass dies bisher eine recht erfolgreiche Politik der SNB war. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Sie hat für erhebliche finanzielle und wirtschaftliche Stabilität gesorgt – und das in einem Umfeld, in dem die Schweiz von ganz erheblichen Turbulenzen umgeben ist. Es ist besser gelaufen, als viele erwartet haben.

Kann die SNB überhaupt noch unabhängig agieren, wenn sie sich so abhängig von der Entwicklung des Euro macht?
Eine Notenbank ist nie unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung sowie den Bewegungen an den Finanzmärkten. Ich messe die Unabhängigkeit vielmehr daran, ob die Notenbank von der Politik gesagt bekommt, was sie zu tun hat. Und das ist nicht der Fall.

Wird sich der Währungskrieg verschärfen auf der Welt?
Ich sehe keinen Währungskrieg. Es wird zwar gerne von der Bank of Japan behauptet, sie entfache einen Währungskrieg. Ich behaupte aber, dass Japan lediglich eine weitere Lockerung der Geldpolitik einleitet – und damit nachholt, was zum Beispiel die Fed in den USA gemacht hat. Von einem Währungskrieg kann keine Rede sein auf der Welt. Die Wechselkurse sind immer noch sehr moderat.

Wie geht es am Goldmarkt nach dem starken Rückgang weiter? Bisher hatte besonders die Inflationsangst viele Goldkäufer motiviert.
Gold war immer bei denjenigen Käufern gefragt, die sich gegen alle möglichen Unwägbarkeiten absichern wollten, dazu gehört natürlich auch die Inflation. Nun ist die Angst aus den Finanzmärkten weg, Gold weniger gefragt. In den Industrieländern mache ich mir wirklich keine Sorgen um Inflation. In Schwellenländern mag das anders sein. Dort ist die wirtschaftliche Aktivität näher an der Kapazitätsgrenze. Amerika und Europa könnten durchaus eine längere Zeit wachsen ohne nennenswerte Inflationssorgen. Für China und Südamerika gilt das aber nicht.