Der Kampf der Japaner gegen ihre langjährige Wirtschaftsflaute droht zu einer echten Sisyphos-Herausforderung auszuwachsen. Zwar legte die Jahresinflation ohne Berücksichtigung der volatilen Lebensmittelpreise im Mai um stattliche 3,4 Prozent zu, wie die Regierung in Tokio heute meldete. Damit liegt die Teuerung heute weit über dem Inflationsziel der Notenbank von zwei Prozent. Zugleich ist der Wert der höchste gemessene seit dem Jahr 1982.

Doch der Blick hinter diese nackte Zahl verrät: Die Deflationsgefahr scheint heute womöglich noch akuter als zuletzt befürchtet. Denn getrieben werden die Preise vor allem von der höheren Mehrwertsteuer, die im April von 5 auf 8 Prozent stieg. Spätestens im April 2015 jedoch fällt dieser Effekt wieder aus der Statistik. Dann dürfte die Inflationsrate laut Commerzbank-Experten deutlich unter 2 Prozent fallen – weshalb sie die Notenbank wieder am Zug wähnen. Es sei «nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bank of Japan noch expansiver wird».

«Frage der Zeit, bis Bank of Japan noch expansiver wird»

Dies gilt umso mehr, als die Unternehmen die Erhöhung der Mehrwertssteuer aus Angst vor Absatzverlusten offenbar nicht einmal voll an ihre Kunden weitergaben. Das lässt sich daran ablesen, dass die Konsumentenpreise nun sogar wieder leicht gegenüber dem Vormonat sanken. Klammert man die Steuereffekte aus, stiegen die Preise nur um 1,4 Prozent. Das dürfte Regierung und Notenbank neue Sorgen bereiten.

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Verschärfend kommt für die Wirtschaft hinzu: Die Steuererhöhung im April schreckt Japans Konsumenten ab. Im Mai gaben die privaten Haushalte rund acht Prozent weniger aus, wie heute ebenfalls gemeldet wurde. Fachleute hatten im Schnitt nur ein Minus von vier Prozent erwartet. Deshalb rechnen die meisten Fachleute damit, dass die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal geschrumpft sein dürfte.

Positiv immerhin ist, dass sich die Lage am Jobmarkt aufhellte. Die Arbeitslosenquote sank leicht von 3,6 auf 3,5 Prozent – ein Zeichen, dass die expansive Wirtschaftspolitik Tokios Früchte trägt.

Abenomics: Mit Frauen und Robotern zu mehr Wachstum

Japans Premier Shinzo Abe hat es sich zum Ziel gesetzt, die seit Jahren stagnierende Wirtschaft um jeden Preis zu alter Stärke zu führen. Und dies ungeachtet der rekordhohen staatlichen Verschuldung von rund 240 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Erst am Dienstag präsentierte Tokio ein neues Reformpaket, das unter anderem eine schrittweise Senkung der Unternehmenssteuern vorsieht. Um dem drohenden Fachkräftemangel in der rasend alternden Gesellschaft vorzubeugen, sollen Betriebe deutlich mehr Frauen und ausländische Beschäftigte anlocken. Zudem werden Unternehmen angehalten, zur Verbesserung der Produktivität ihre Maschinenparks aufzurüsten. Die Rede ist von einer «Roboter-Revolution».

«Ich hoffe, er wird noch mutigere Pläne vorlegen»

Abe setzt in der nach ihm benannten aggressiven Wirtschaftspolitik – Abenomics – nach eigenen Worten drei «Pfeile» ein. Zu einer extrem expansiven Geldpolitik der Notenbank und schuldenfinanzierten staatlichen Konjunkturprogrammen kommen als dritter Pfeil nun die Strukturreformen.

Doch wie in der Geldpolitik scheinen die neuen Massnahmen noch nicht auszureichen, um einen wirklichen Wandel zu bewirken. Experten rechnen mit weiteren Massnahmen, die zu neuen Umwälzungen von Wirtschaft und Gesellschaft in Japan in den kommenden Jahren führen dürften. «Abes Wachstumsstrategie vom 'Dritten Pfeil' kommt mir eher wie ein Dartpfeil vor und nicht wie ein echter», sagte etwa Ökonom Naoki Iizuka von Citigroup Global Markets. «Ich hoffe, er wird noch mutigere Pläne vorlegen.»

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(mit Material von reuters)