Die Republikaner hätten sich mit ihrem Sparprogramm bei gleichzeitiger Bevorzugung der Reichen durchsetzen können. Zwei weitere positive Aspekte aus 2011: Die USA scheinen endlich den gähnenden Abgrund zwischen den Reichen und den Anderen wahrzunehmen. Und die Protestbewegungen der Jugend, vom arabischen Frühling bis zu den Wall-Street-Besetzern, haben offengelegt, dass mit dem kapitalistischen System etwas absolut nicht in Ordnung ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sich aber die diesjährigen wirtschaftlichen und politischen Probleme der USA und Europas 2012 weiter verschlimmern. Vorhersagen für das folgende Jahr hängen mehr als üblich von der Politik ab – vom Ergebnis des Stillstandes in den USA und von der Fähigkeit der europäischen Politiker, mit der Euro-Krise umzugehen.

Die Staatsführer Europas werden nicht müde, ihre Verpflichtung zu betonen, den Euro zu retten. Aber diejenigen, die dazu in der Lage wären, haben wiederholt durchblicken lassen, dass sie keinerlei Verpflichtung sehen, das dazu Nötige zu tun. Sie haben eingesehen, dass Sparmassnahmen zu einer Reduzierung des Wachstums führen und die Problemländer der Euro-Zone ohne Wachstum nicht in der Lage sein werden, ihre Schulden unter Kontrolle zu halten. Aber sie haben nichts getan, um Wachstum zu fördern.

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Politischen Massnahmen halbherzig und zu spät

Das Einzige, was die Zinsen niedrig hält und damit den Euro kurzfristig rettet, ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Ob man es gutheisst oder nicht: Die einzelnen Staaten werden momentan durch die EZB finanziert. Deutsche Politiker haben dies missbilligt, und die EZB hat sich dabei nicht wohl gefühlt, ihre Käufe limitiert und verlauten lassen, dass der Euro anstatt durch die Zentralbank durch die Politiker gerettet werden müsse.

Aber die politischen Massnahmen waren, wenn überhaupt, halbherzig und kamen zu spät. Das wahrscheinlichste Szenario besteht in der Fortschreibung des bisherigen Trends: Sparmassnahmen, schwächere Volkswirtschaften, mehr Arbeitslosigkeit und fortlaufende Defizite, während die europäischen Politiker immer nur das Mindeste tun, um die Krise kurzfristig zu entschärfen. Kurz gesagt: Mehr Chaos.

Der Tag der Abrechnung – an dem der Euro zusammenbricht oder Europa die zum Funktionieren der gemeinsamen Währung erforderlichen Massnahmen ergreift – könnte 2012 kommen, aber wahrscheinlich werden Europas Politiker alles tun, um diesen Tag so weit wie möglich hinauszuschieben. Europa wird leiden, ebenso wie der Rest der Welt.

Die Vereinigten Staaten hatten auf eine exportgetriebene Erholung gehofft, aber mit dem Abschwächen des Wirtschaftswachstums bei ihrem grössten Kunden, Europa, ist dies unwahrscheinlich geworden. Und angesichts dessen, dass die schlimmsten Effekte der Ausgabenkürzungen vielleicht noch vor uns liegen, hat der Stillstand vielleicht zur Folge, dass die Lohnsteuersenkungen der Obama-Administration nicht verlängert werden, was zu schwächerem Konsum der Haushalte führt.

2012 werden die ersten echten Auswirkungen sichtbar

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Dies und die Kürzungen auf staatlicher und kommunaler Ebene bedeuten, dass 2012 die ersten echten Auswirkungen der Sparmassnahmen sichtbar werden. In der Zwischenzeit sind die Folgen der Immobilienkrise, die 2008 beinahe eine Kernschmelze der Finanzmärkte ausgelöst hatte und gegen die nie wirklich vorgegangen wurde, immer noch spürbar: Weiter sinkende Immobilienpreise, mehr Zwangsversteigerungen und daher eine immer stärkere Belastung der US-Haushalte.

Kein Mitglied der politischen Parteien der USA scheint die Tatsache sehen zu wollen, dass die Reparatur des Bankensystems, wenn auch nötig, nicht ausgereicht hat, um die Wirtschaft wieder gesund zu machen. Die US-Vorkrisenwirtschaft wurde durch eine Immobilienblase künstlich am Leben erhalten, die zu übermässigem Konsum geführt hatte.

Aber keine der Parteien war bereit, zuzugeben, was wirklich falsch läuft oder eine Agenda aufzustellen, die die grundlegenden Probleme benennt. Das amerikanische Wahljahr wird durch Platitüden und Placebos bestimmt sein. Keine Seite wird ein Programm zur Umstrukturierung der Wirtschaft vorlegen und die Ungleichheit verringern, die die Stärke des Landes aufsaugt.

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Der 50-jährige Prozess der Integrationin Europa könnte zu Ende gehen

Ich war immer sehr kritisch gegenüber den Märkten eingestellt, aber sogar die US-Marktteilnehmer merken jetzt, dass die Politiker ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Die Amerikaner werden die Wahl haben zwischen einem Führer, der bereits bewiesen hat, dass er das Land nicht aus dem wirtschaftlichen Morast herausführen kann, und einem, der seine Unfähigkeit noch nicht bewiesen hat – aber die Dinge durch eine Politik stärkerer Ungleichheit und langsamen Wachstums noch schlimmer machen könnte.

Ich hoffe, dass die Ereignisse mich widerlegen und mein Pessimismus sich als übertrieben erweist. Aber ich fürchte, alles könnte noch schlimmer werden. Tatsächlich könnte 2012 das Jahr sein, in dem das Experiment mit dem Euro, der Höhepunkt eines 50-jährigen Prozesses wirtschaftlicher und politischer Integration in Europa, zu Ende geht. Anstatt die lang anhaltende grosse Rezession von 2008 mit den von ihr verursachten Leiden zu beenden, könnte 2012 eine neue und noch beängstigendere Phase mit der weltweit schlimmsten wirtschaftlichen Krise der letzten 75 Jahre einläuten.

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Joseph E. Stiglitz ist Professor an der Columbia University, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und der Autor von «Im freien Fall: Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft».© Project Syndicate, 2011.