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Joseph E. Stigliz: Aufbau einer Lerngesellschaft

Joseph Stigliz: Schlüssel des nachhaltigen Wettbewerbs ist eine Lerngesellschaft.  Keystone

Nur mit staatlichen Forschungsprojekten können Volkswirtschaften wettbewerbsfähig bleiben. Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft ist dabei der Aufbau einer Lerngesellschaft.

Von Joseph E. Stiglitz
am 12.06.2014

Die Bürger in den reichen Ländern haben sich angewöhnt, ihre Volkswirtschaften als Innovationsgesellschaften zu betrachten. Dabei ist Innovation seit über zwei Jahrhunderten Bestandteil der entwickelten Welt. Tatsächlich stagnierten die Einkommen bis zur Industriellen Revolution über Tausende von Jahren hinweg. Dann schoss das Pro-Kopf-Einkommen steil in die Höhe und hat seitdem – unterbrochen nur durch die gelegentlichen Auswirkungen zyklischer Schwankungen – Jahr um Jahr zugenommen.

Vor einem Jahrhundert argumentierte der Ökonom und Politikwissenschafter Joseph Schumpeter, dass die wichtigste Stärke einer Marktwirtschaft ihre Fähigkeit zur Innovation sei. Er vertrat die Ansicht, dass der traditionelle Fokus der Ökonomen auf wettbewerbsfähige Märkte deplatziert sei; wichtig sei der Wettbewerb für den Markt und nicht der innerhalb des Marktes. Der Wettbewerb für den Markt treibe die Innovation voran. Eine Folge von Monopolen würde nach dieser Ansicht langfristig zu ­einem höheren Lebensstandard führen.

Die Gefahr von Monopolisten

Schumpeters Schlussforderungen sind nicht unangefochten geblieben. Monopolisten und dominante Unternehmen wie Microsoft können die Innovation tatsächlich unterdrücken. Sofern sie nicht von den Kartellbehörden kontrolliert werden, können sie ein wettbewerbsfeindliches Verhalten an den Tag legen, das ihre Monopolmacht verstärkt.

Eine von Schumpeters fundamentalen Einsichten hat jedoch Bestand gehabt: Konventionelle Strategien, die sich auf die kurzfristige Effizienz konzentrieren, sind möglicherweise nicht wünschenswert, wenn man einmal eine langfristige Innovations- respektive Lernperspektive einnimmt. Dies gilt insbesondere für Entwicklungsländer und Schwellenmärkte.

Industriepolitik – bei der Regierungen in die Zuweisung von Ressourcen eingreifen oder bestimmte Technologien gegenüber anderen begünstigen – kann Volkswirtschaften, die noch in den Kinderschuhen stecken, helfen zu lernen. Der Nutzen dieses Lernens kann Auswirkungen auf andere Wirtschaftsaktivitäten haben. Wird eine derartige Politik verfolgt, ist sie häufig Gegenstand der Kritik. Die Regierung, so hört man oft, sollte nicht über den Erfolg entscheiden. Der Markt sei viel besser darin, derartige Entscheidungen zu treffen.

Weshalb eine Industriepolitikhilfreich sein kann

Doch die Belege hierfür sind weniger überzeugend, als die Anhänger des freien Marktes behaupten. Das Versagen von Amerikas privatem Sektor bei der Zuweisung von Kapital und der Steuerung der Risiken in den Jahren vor Ausbruch der globalen Finanzkrise ist bekannt. Zudem zeigen Studien, dass die durchschnittlichen Renditen für die Volkswirtschaft aus staatlichen Forschungsprojekten tatsächlich höher sind als jene aus Projekten des privaten Sektors – insbesondere deshalb, weil die Regierung stärker in wichtige Grundlagenforschung investiert. Man muss nur an den gesellschaftlichen Nutzen denken, der auf die Forschungen zurückzuführen ist, die zur Entwicklung des Internets oder der Entdeckung der DNA führten.

Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass in den Kinderschuhen steckende Volkswirtschaften ihre Industrie schützen sollten. Zudem kann die Liberalisierung der Finanzmärkte die Fähigkeit von Ländern untergraben, eine Reihe andere, für ihre Entwicklung unverzichtbare Fertigkeiten zu erwerben: Wie man Ressourcen zuweist und Risiken steuert.

Geistiges Eigentum

Genauso kann das geistige Eigentum, wenn nicht ordentlich konzipiert, aus Lernperspektive betrachtet ein zweischneidiges Schwert sein. Zwar mag es die Anreize zum Investieren in die Forschung stärken, doch steigert es möglicherweise zugleich die Anreize zur Geheimhaltung, was den für das Lernen unverzichtbaren Fluss von Wissen behindert, und ermutigt die Unternehmen, den Pool gemeinsamen Wissens in grösstmöglichem Umfang anzuzapfen und zugleich möglichst wenig zu ihm beizusteuern. In diesem Szenario verlangsamt sich das Innovationstempo tatsächlich.

Allgemeiner ausgedrückt: Viele der Strategien, die den Entwicklungsländern mit dem noblen Ziel aufgezwungen werden, die Effizienz der Ressourcenallokation zu steigern, hemmen heute das Wachstum und führen langfristig zu einem geringeren Lebensstandard.

Praktisch jede staatliche Politik hat – ob nun absichtlich oder unabsichtlich – direkte und indirekte Auswirkungen auf das Lernen, mit allen Vor- und Nachteilen. Entwicklungsländer, in denen sich die politischen Entscheidungsträger dieser Auswirkungen bewusst sind, schaffen es eher, die Wissenslücke, die sie von den stärker entwickelten Ländern trennt, zu schliessen. Die entwickelten Länder anderseits haben eine Chance, die Kluft zwischen durchschnittlichem und optimalem Vorgehen zu verringern und die Gefahren einer säkularen Stagnation zu vermeiden.

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