Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen: Ein Mittzwanziger durchkreuzt mit schlafwandlerischer Sicherheit den Strassenverkehr einer Schweizer Metropole, den Blick fest auf das Display seines Smartphones gerichtet. Das geschieht so oft, dass die Polizei von Lausanne bereits Clips mit reichlich schwarzem Humor drehte, die vor Unachtsamkeit warnen.

Die Mahnung ist wohl angebracht: Schweizer zwischen 16 und 30 Jahren sind fixiert auf ihr Smartphone, sie nutzen es 2,6 Stunden pro Tag. Das zeigt die Studie Connected Life, die vom deutschen Marktforschungsinstitut TNS Infratest durchgeführt wurde. 60'000 Onliner wurden dafür in 50 Ländern befragt, davon rund 500 in der Schweiz.

Junge Schweizer zahlen selten mobil

Mit der Dauer der Smartphone-Nutzung stehen die Schweizer im internationalen Vergleich gut da – im weltweiten Durchschnitt nutzen Besitzer ihr schlaues Handy 3,2 Stunden pro Tag. Diese Zahl enthält allerdings Schwellenländer wie Mexiko oder Malaysia, in denen viele Nutzer vorrangig über das Smartphone im Internet surfen und es entsprechend ausdauernd gebrauchen.

In einem Bereich fallen die Schweizer allerdings ab, und hier vor allem die Jungen: Sie zahlen selten mobil. Gerademal 1 Prozent der bis 30 Jahre alten Onliner verwendet täglich Bezahlapps. Das zeigen die Zahlen von TNS Infratest, die «handelszeitung.ch» exklusiv vorliegen. Obwohl die Schweiz als stark digitalisiertes Land gilt, ist das vergleichsweise wenig: In Deutschland sind es immerhin schon 5 Prozent, weltweit sogar 8 Prozent in dieser Altersgruppe.

Die Schweizer über 30 zahlen dagegen häufiger mobil – die Jahrgänge bis 45 Jahre zu 4 Prozent, dieser Anteil ist fast so gross wie der in Deutschland (5 Prozent). Die Gruppe der über 45-Jährigen kann dann sogar im weltweiten Vergleich mithalten – sowohl in der Schweiz als auch im Länderdurchschnitt zahlen hier 3 Prozent mobil.

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Ältere schätzen Finanzprodukte

Warum in der Schweiz diese dem Trend entgegengesetzte Entwicklung? «Es ist spannend, dass in der Schweiz die ältere Zielgruppe stärker mobile Zahlungsangebote nutzt», sagt Datenexperte Walter Freese von TNS Deutschland. Dies könne damit zusammenhängen, dass erst Ältere mehr und kompliziertere Finanzprodukte verwenden – und da diese in der Schweiz beliebt sind, auch der Zugang zum mobilen Zahlen eher gefunden wird.

Andererseits lässt sich sagen: Immerhin verwenden schon einige Schweizer täglich mobile Zahlapps. Angesichts der Tatsache, dass  Paymit, Twint, Apple Pay und Co. um die Vorherrschaft am Markt ringen und sich kein Angebot durchsetzen konnte, deutet dies das Potenzial der Technologie an.

Echtes Bedürfnis fehlt

Allerdings hakt es bei der Anwendung des mobilen Zahlens, wie Walter Freese auch für Deutschland festgestellt, wo ein ähnlicher harter Wettkampf tobt. «Es besteht kein echtes Bedürfnis nach einer Lösung für mobiles Zahlen, weil etablierte Wege gut funktionieren», sagt Freese. Sei es die Zahlung mit Bargeld, EC-oder Kreditkarte, diese Wege werden oft noch bevorzugt. Freese sagt: «Wenn die Kunden wechseln, wollen sie auch echten Mehrwert.» Nur dann hat mobiles Zahlen auf Dauer für Kunden Sinn.