Die Länder der Europäischen Union sollen sich nach dem Willen der EU-Kommission gemeinsam gegen eine neue Bankenkrise stemmen. «Mit Blick auf Risikopapiere (...) schlagen wir nun den Mitgliedstaaten eine koordinierte Aktion vor, die Banken zu rekapitalisieren», sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso in einem Interview des Internetdienstes YouTube und des TV-Senders Euronews. «So dass sie ihre Risikopapiere, die sie möglicherweise haben, loswerden.» Allerdings relativierte er die Ankündigung später wieder. Mitgliedstaaten sollten nicht verpflichtet werden.

Angesichts der Milliarden-Engagements der Geschäftsbanken in Staatspapieren europäischer Krisenländer ist das Misstrauen der Banken untereinander gewachsen. Das zeigen die grossen Summen, die die Finanzinstitute derzeit bei der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen, anstatt das Geld für höhere Zinsen an eine andere Bank zu leihen.

«Wir sind entschlossen, alles zu tun, um zu gewährleisten, dass Europas Banken ihre wichtige Rolle bei der Kreditvergabe an Unternehmen und Bürger spielen können», sagte Barroso nach einem Treffen mit dem finnischen Regierungschef Jyrki Katainen. Rekapitalisierungsmassnahmen seien bereits eingeleitet, weitere Anstrengungen könnten nötig sein. «Enge Koordinierung auf europäischer Ebene ist nun nötig.»

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Kurzer Schub für die Aktienkurse

An den Aktienmärkten hatte die Ankündigung zunächst dennoch für Auftrieb gesorgt. Der deutsche Leitindex Dax legte zwischenzeitlich mehr als 2 Prozent zu, später schmolzen die Gewinne aber aus Enttäuschung über die ausgebliebene Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder ab.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bereits am Mittwoch in Brüssel gesagt, Deutschland stehe für Finanzspritzen von Banken bereit, falls dies notwendig sein sollte.

Scharfe Kritik kam dazu vom Bund der Steuerzahler: «Nachdem Staaten wie Griechenland, aber auch Portugal oder Irland vom europäischen Steuerzahler gerettet wurden und werden, sollen jetzt auch einzelne Banken hinzukommen. Dieser Weg führt nur weiter in eine Sackgasse», sagte Verbandsvizepräsident Reiner Holznagel «Handelsblatt Online».

Misstrauen der Banken wächst

Als Gradmesser für das Misstrauen der Banken untereinander gelten die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Institute bei der EZB: Am Donnerstag legten die eintägigen Ausleihungen der Geschäftsbanken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich von 1,361 Milliarden Euro am Vortag auf 3,153 Milliarden Euro zu, wie die EZB in Frankfurt mitteilte. Damit liegen die Ausleihungen so hoch wie zuletzt Mitte September.

Die eintägigen Einlagen stiegen ebenfalls an - sie kletterten von 213,2 Milliarden auf 221,4 Milliarden Euro. Sie liegen damit so hoch wie zuletzt im Juli 2010 und deutlich über ihrem üblichen Jahresdurchschnitt.

Europas Währungshüter greifen den Instituten angesichts der drohenden Bankenkrise unter die Arme: Die EZB stellt ihnen Geld mit besonders langer Laufzeit von einem Jahr zur Verfügung und will wieder sogenannte gedeckte Anleihen wie Pfandbriefe kaufen. Das kündigte der scheidende EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach einer turnusmässigen Ratssitzung an.

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EZB setzt Instrumente aus der Finanzkrise ein

Das Volumen der Ankäufe bezifferte Trichet auf 40 Milliarden Euro. Damit reaktiviert die EZB Instrumente aus der Zeit der Finanzkrise. Mit den Massnahmen sollen Liquiditätsengpässe vermieden werden.

Merkel unterstrich anlässlich eines Treffens mit Spitzenvertretern grosser internationaler Finanzinstitutionen in Berlin die Bedeutung eines sicheren Währungssystems für weltweites Wachstum.

Die europäische Bankenaufsicht EBA prüft angeblich erneut die Widerstandfähigkeit der Banken. Möglicherweise könnten den Instituten bis zu 200 Milliarden Pfund (232 Mrd Euro) an Kapital fehlen, berichtete die «Financial Times».

Die schwere Schuldenkrise in Griechenland, Portugal und Irland könnte zu Ausfällen bei den Staatspapieren dieser Länder führen. Infolge dessen müssten die Banken Abschreibungen machen - zulasten ihres Eigenkapitals.

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Die EBA wies den Bericht zum Teil zurück. Man habe keinesfalls eine «neue Runde von Stresstests» angekündigt, erklärte eine Sprecherin.

Regierungen ringen um Dexia

Derzeit kämpft die französisch-belgische Bank Dexia ums Überleben. Sie hatte grosse Positionen an Staatsanleihen, deren Wert mehr und mehr verfällt. Die Regierungen in Paris, Brüssel und Luxemburg suchten weiter nach einer Auffanglösung.

Das Euro-Sorgenkind Italien kommt nicht zur Ruhe: Die Ratingagentur Moody's senkte die Bonität der beiden grössten italienischen Banken. Moody's hatte am Dienstag die Kreditwürdigkeit des Staates um drei Stufen schlechter bewertet. Deshalb war der Schritt zu erwarten gewesen.

(vst/awp)