Anfang der Woche gab der Schweizer Topökonom Thomas Straubhaar bekannt, dass er im Herbst kommenden Jahres als Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) zurücktreten wird - nach über 15 Jahren Amtszeit. Handelszeitung.ch sprach mit dem «Auslandschweizer des Jahres» 2005. 

Ihre Rücktrittsankündigung hat viele Beobachter überrascht. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?
Thomas Straubhaar: Ein solcher Wechsel sollte stattfinden, wenn eine Institution auf stabilen, gesunden Füssen steht – das haben wir beim HWWI geschafft. Betriebswirtschaftlich liegt ein sehr gutes Jahr hinter uns, inzwischen arbeiten über 50 Beschäftigte am Institut. Zudem haben wir enorm an Reputation gewonnen.

Und jetzt möchten Sie Platz machen für eine neue Führungsfigur.
Der Schritt ist mir extrem schwer gefallen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass eine jüngere Führungsmannschaft neue und vielleicht auch ganz andere Impulse geben kann. Vor allem mit Blick auf die ökonomische Forschung.

Sie plädieren schon seit Längerem für eine Neuausrichtung der Ökonomie.
Mein Umdenken als Wissenschaftler in den vergangenen Jahren hat zu meiner jetzigen Entscheidung beigetragen. Die Wirtschaftswissenschaft wandelt sich gerade, das fasziniert mich. Und ich sehe die Chance, etwas zu diesem – hoffentlich stattfindenden – Paradigmenwechsel beizutragen.

Wo sehen Sie denn Änderungsbedarf?
Wir können als Ökonomen nach der Finanzkrise nicht einfach weitermachen als wäre nichts passiert. Es braucht mehr methodischen Pluralismus. Die heute noch immer verwendeten theoretischen Modelle können die wirtschaftliche Realität nicht mehr abbilden – hier gilt es anzusetzen.

Sie möchten also selbst wieder mehr forschen. Wo soll die Reise hingehen?
Ich werde mir den Freiraum nehmen, wieder länger ins Ausland zu gehen. Dazu gehören die USA, wo ich bereits vor drei Jahren in Washington geforscht habe. Gleichzeitig behalte ich aber meinen Lehrstuhl an der Uni Hamburg.

Sie möchten nicht zurück in die Schweiz?
Ich werde voraussichtlich auch in der Schweiz aktiv werden – wenn ich meine, dass es dort interessante Fragestellungen gibt, die wir bearbeiten können.

Was ist denn aktuell eine interessante schweizerische Fragestellung?
In der Schweiz herrschen noch immer paradiesische Zustände – vor allem im Vergleich mit den Nachbarländern. Die grosse Herausforderung wird sein, diesen Vorsprung zu wahren. Ein Thema ist auch die schwindende Akzeptanz der Europäer, dass es mitten in Europa eine Regulierungsoase gibt – da kommt womöglich einiges auf die Schweiz zu. Zudem interessiert mich insgesamt, wie die Zukunft der Schweiz in Europa aussehen wird.

Sehen Sie denn die Gefahr, dass die Schweiz sich zu sehr auf ihren Erfolgen ausruht – insbesondere weil der Rest Europas gerade unheimlich viel reformiert und aufholt?
Es wäre ein riesiger Fehler, wenn sich die Schweiz auf einen Preis- und Lohnwettbewerb einlassen würde. Die Schweiz muss ihren Wettbewerbsvorteil über die Qualität suchen. Wenn sie qualitativ vorne weg marschieren, haben Schweizer Unternehmer eine Monopolstellung – und ein Monopolist kann seine Kosten bekanntlich auf die Kunden überwälzen. Das muss das Ziel der Wirtschaftspolitik beziehungsweise der Unternehmerinnen und Unternehmer sein.

Gleichzeitig beklagen sich die Schweizer auch ganz gerne – zum Beispiel weil die Löhne kaum steigen. Stösst man an hierzulande so langsam an die Grenzen des Wachstums?
Das glaube ich nicht. Das Klagen ist eine typisch schweizerische Eigenschaft, die ich aber durchaus positiv bewerten würde. Die Schweizer fangen relativ früh damit an, was sich in der Vergangenheit dann aber immer als Motor für Verbesserung erwiesen hat. Durch das frühzeitige Klagen hat sich der Zustand dann immer so verändert, dass der Klagegrund hinfällig wurde.