Am 15. Januar hob die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken auf. Der SNB-Entscheid sorgte für einen Aufschrei in der Schweizer Wirtschaft.

Industrieverband-Präsident Hans Hess fürchtete um die Existenz jedes fünften Betriebs, die Gewerkschaften forderten einen Mindestkurs von 1.40 Franken.Verschiedene Ökonomen sagten für dieses Jahr eine Rezession voraus – so auch die Kof Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Es geht wieder aufwärts

Sechs Monate nach dem Entscheid hat sich der Nebel gelichtet – und auch die Aussichten sind nicht mehr so trüb. Zwar ist die Wirtschaft im ersten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft, und auch für das zweite Quartal erwartet die Kof ein Minus. Damit wäre die Wirtschaft nach gängiger Definition tatsächlich in der Rezession.

Doch nun dürfte die Konjunktur langsam Fahrt aufnehmen. Für das ganze Jahr sagen die Experten der ETH ein Wachstum von 0,4 Prozent voraus – die Experten des Bundes sogar ein Plus von 0,8 Prozent. Der Frankenschock ist dennoch nicht ausgestanden: «Viele Unternehmen haben noch zugewartet und reagieren erst jetzt», sagt Kof-Direktor Jan-Egbert Sturm. Somit sind noch weitere Hiobsbotschaften mit Fabrikschliesssungen und Jobabbau zu erwarten.

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Stellenabbau setzt sich fort

30'000 Stellen koste das Mindestkurs-Ende die Schweiz in den nächsten sechs bis neun Monaten, kalkuliert der Arbeitgeberverband. Besonders hart trifft es den Tourismus und Industriefirmen mit vielen Kunden im Euroraum. Branchen, wo der Preis nicht das wichtigste Verkaufsargument ist, haben weniger Probleme – beispielsweise die Pharmaindustrie.

Der starke Franken kostet in einigen Industrieunternehmen Jobs – doch insgesamt dürfte die Arbeitslosigkeit dieses Jahr allenfalls leicht steigen: Die Bundesökonomen und auch die Kof rechnen mit einer Quote von 3,3 Prozent. In den beiden letzten Jahren war die Arbeitslosenquote mit 3,2 Prozent nur leicht tiefer.

Der Franken bleibt stark

An einen starken Franken muss sich die Industrie gewöhnen: Aus Sicht der Kof dürfte sich der Franken in nächster Zeit bei ungefähr 1.04 Euro einpendeln.

Haben wenigstens die Schweizer Konsumenten profitiert? «Eindeutig», sagt Jan-Egbert Sturm. Und zwar stärker, als es die Kof anfangs erwartet hat. Laut Sturm geben Industrie und Handel den Währungsvorteil stark weiter – anders als in früheren Phasen mit einem harten Franken. Diesmal geschah die Abwertung nicht schleichend, sondern schockartig – «die Wahrnehmung ist grösser», sagt Sturm.

Euro-Rabatt gibt's nicht überall

Im Februar warb fast jeder Detailhändler mit einem Euro-Rabatt – die Verkäufer waren unter Druck, die Preise anzupassen. Für Sturm ist dennoch klar, dass in gewissen Branchen die Konsumenten leer ausgehen – vor allem bei jenen Produkten, wo den Käufern die europäische Herkunft nicht klar ist. «Im Supermarkt merken es die Käufer sofort. Beim neuen Ölfilter, den ihnen der Garagist im Auto einsetzt, fällt es nicht auf», sagt Sturm.

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Für Importeure zahlt sich das Mindestkurs-Ende in jedem Fall aus, die Einfuhrpreise sind seit Dezember um 8,2 Prozent gesunken. Für Konsumenten lässt sich aus der Statistik aber kein grosser Vorteil herauslesen: Die Konsumentenpreise sind lediglich um 0,2 Prozent gefallen.