1. Home
  2. Konjunktur
  3. Nationalbanking ist keine exakte Wissenschaft

Kommentar
Nationalbanking ist keine exakte Wissenschaft

Goldiges Szenario: Präsident Thomas Jordan und seine Kollegen im SNB-Direktorium.
Goldiges Szenario: Präsident Thomas Jordan und seine Kollegen im SNB-Direktorium.Quelle: Keystone

Die Wirtschaft brummt, doch die Nationalbank gibt sich weiter defensiv: Steigende Teuerungsraten seien noch lange nicht in Aussicht.

Kommentar  
Von Simon Schmid
am 14.12.2017

Zugegeben: Dass sich die Nationalbank an ihrer winterlichen Pressekonferenz allzu weit aus dem Fenster lehnt, war nicht zu erwarten. Dennoch erstaunt, wie defensiv Präsident Thomas Jordan und seine Kollegen im Dirktorium aktuell die wirtschaftliche Lage einschätzen. Denn im Grunde genommen läuft die Schweizer Wirtschaft im Moment geradezu rekordverdächtig gut.

Der Frankenschock ist definitiv überwunden: Die Erwerbslosenzahlen sind übers letzte Jahr hinweg kontinuierlich gesunken, und seit der Euro wieder an Boden gewonnen hat (aktuell notiert er bei knapp 1,17 Franken – minim höher als vor der Pressekonferenz), kommen auch die Exporte ausserhalb des Pharmasektors wieder in Fahrt. Die Tourismusbranche blickt auf die beste Saison seit Jahren voraus. Und mit dem starken BIP-Wachstum von 2,5 Prozent (annualisiert), welches vom Seco vor kurzem gemessen wurde, kam im dritten Quartal auch noch das letzte Puzzleteilchen zum guten Konjunkturbild hinzu.

Konjunkturboom ohne Inflationsdruck

Trotzdem bleibt die SNB vorerst bei ihrer Politik der Vorsicht. Die so genannte Produktionslücke, im Fachjargon auch bekannt als «Output Gap», sei noch nicht geschlossen, sagte Jordan heute vor den Medien. Das bedeutet, dass die Wirtschaft nach Ansicht der Schweizer Notenbank noch nicht ausgelastet ist. Die Einschätzung erstaunt insofern, als zwei der wichtigsten Indikatoren, anhand denen die Produktionslücke üblicherweise gemessen wird, eigentlich eine gute Konjunktur anzeigen: Die Arbeitslosenquote steht derzeit bei rund 3 Prozent, das entspricht ziemlich genau dem Schnitt des letzten Jahrzehnts. Und das BIP wächst aktuell mit 1,5 bis 2 Prozent, was sogar leicht über dem Potenzialwachstum der Schweiz liegt.

Ein Grund für die Vorsicht der Nationalbank ist offensichlich: Das Direktorium fürchtet sich davor, am Finanzmarkt bereits jetzt Erwartungen auf eine baldige Zinserhöhung zu schüren, weil dies wieder zu Aufwertungsdruck auf den Franken führen könnte. Bemerkenswert ist jedoch eine weitere Begründung: dass die Produktionslücke gar nicht genau messbar sei, sondern mit dem Konjunkturzyklus schwanke. Wenn Firmen investieren und sich ein Boom abzeichnet, kann die Wirtschaft nach dieser Lesart also auch eine niedrigere Arbeitslosigkeit und ein höheres Wachstum als im Normalfall verkraften, ohne dass es deswegen zu Inflationsdruck kommt.

Die Einschätzung knüpft an eine Debatte an, die zuletzt in den USA geführt wurde, aber in der Schweiz noch kaum Thema war: Ob und wie lange die Notenbank die Wirtschaft stimulieren soll, um den tiefen Konjunktureinschnitt nach der langen Finanzkrise wieder auszugleichen. Mit ihren heutigen Aussagen suggeriert die Nationalbank-Spitze, dass sie in dieser Debatte eher auf der expansiven Seite steht. Ein weiteres Absinken der Arbeitslosenquote (unter 3 Prozent) wäre für die SNB demnach kein unmittelbarer Grund, die geldpolitischen Zügel zu straffen – sofern es bei dieser Argumentation bleibt.

Abwarten, bis sich die EZB bewegt

Passend dazu liest sich auch die Inflationsvoraussage der Notenbank: 2018 werde die Teuerung unverändert bei 0,7 Prozent liegen. Das entspricht genau dem Wert, den das Bundesamt für Statistik zuletzt auswies. Eigentlich müsste bei einer anziehenden Wirtschaft die Inflation steigen. Doch auch hier dämpft die SNB den Ausblick: Die Faktoren, welche die Teuerungsraten im Moment nach oben treiben würden, seien der schäwchere Franken und die etwas höheren Ölpreise. Der fundamentale Inflationsdruck sei aber gering, so Jordan. Für den Nationalbankenchef ist das Szenario somit ausgesprochen günstig: Wie viele andere Notenbanker sieht er sich momentan mit einer Wirtschaft konfrontiert, die boomt, ohne dass deswegen die Preise steigen.

Das Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen. Dass die Inflation trotz globalem Aufschwung in vielen Ländern niedrig bleibt, hat unter Ökonomen zu vielen Diskussionen geführt. Dinge wie die Globalisierung, der technische Fortschritt und die demografische Alterung werden dafür verantwortlich gemacht, dass die so genannte Phillips-Kurve – sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Konjunktur und Inflation – in den letzten Jahren flacher verlief, als man sich dies aus früheren Zeiten gewohnt ist. Ob die Phillips-Kurve tatsächlich «tot» ist, wie es manche Stimmen bereits verkündet haben, ist aber unklar.

Für die SNB wird sich im Verlauf des kommenden Jahres weisen, ob sie bei ihrer Linie bleiben kann. Vorderhand dürfte sie mit ihrer Argumentation in der Öffentlichkeit jedenfalls durchkommen. Spätestens wenn die Europäische Zentralbank gegen Ende 2018 aus ihrer expansiven Politik aussteigt und sich die Konjunktur in der Schweiz weiter festigt, dürfte sich die SNB jedoch bewegen – und ihre Wortwahl an die Begebenheit anpassen, dass die Wirtschaft in der Zwischenzeit ausgelastet sei. Ökonomie ist keine exakte Wissenschaft: Da hat Thomas Jordan schon Recht.

Anzeige