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Konjunktur: Die nächsten Krisen zeichnen sich ab

Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Vor der Krise von 2008 gab es eine Menge Gerede über globale Ungleichgewichte und die Notwendigkeit, dass Länder mit Handelsüberschüssen wie Deutschland und China ihren Konsum erhöhen. Dieses Problem

Von Joseph E. Stiglitz
am 09.01.2013

Die langfristigen Probleme der Weltwirtschaft werden im Schatten der Euro-Krise und der amerikanischen Fiskal­klippe leicht ignoriert. Während wir uns auf die unmittelbaren Schwierigkeiten konzentrieren, verschärfen sie sich jedoch kontinuierlich und werden zu einem Risiko, das wir übersehen.

Das schwerwiegendste Problem ist die globale Erwärmung. Obwohl die schwache Entwicklung der Weltwirtschaft zu einer entsprechenden Verlangsamung der Zunahme der Kohlenstoffemissionen führt, verschafft uns dies gerade mal einen kurzen Aufschub. Aber wir liegen deutlich hinter Plan: Weil wir so langsam auf den Klimawandel reagiert haben, werden wir nicht darum herumkommen, drastische Massnahmen umzusetzen, um den weltweiten Temperaturanstieg auf 2 Grad Celsius zu begrenzen.

Manche schlagen vor, dass wir die globale Erwärmung angesichts des konjunkturellen Abschwungs zurückstellen sollten. Das Gegenteil ist der Fall: Die Anpassung der Weltwirtschaft an den Klimawandel würde dazu beitragen, Gesamtnachfrage und Wachstum wiederherzustellen.

Märkte bewältigen radikale Veränderungen nicht gut

Zugleich erfordert das Tempo des technologischen Wandels und der Globalisierung rasche strukturelle Anpassungen sowohl in den entwickelten als auch den Entwicklungsländern. Derartige Veränderungen können traumatisch sein, und die Märkte bewältigen sie häufig nicht besonders gut.

So wie die Grosse Depression teilweise auf den Schwierigkeiten des Übergangs von einer ländlichen Agrarwirtschaft zur städtischen Industriegesellschaft beruhte, beruhen die heutigen Probleme teilweise auf dem Zwang, den Schritt von der Fertigungs- zur Dienstleistungsgesellschaft zu bewältigen. Hierfür bedarf es neuer Unternehmen. Die modernen Finanzmärkte sind besser auf Spekulation und wirtschaftliche Verwertung eingestellt als auf die Bereitstellung von Mitteln für neue Unternehmen, insbesondere KMU.

Zudem erfordert dieser Wandel Investitionen in Humankapital, die sich die Einzelnen häufig nicht leisten können. Zu den Dienstleistungen, welche die Menschen wollen, gehören Krankenversorgung und Bildung – zwei Sektoren, in denen der Staat naturgemäss eine wichtige Rolle spielt.

Vor der Krise von 2008 gab es eine Menge Gerede über globale Ungleichgewichte und die Notwendigkeit, dass Länder mit Handelsüberschüssen wie Deutschland und China ihren Konsum erhöhen. Dieses Problem ist nach wie vor ungelöst. Tatsächlich ist Deutschlands Versäumnis, etwas gegen seinen chronischen Aussenhandelsüberschuss zu tun, ein zentraler Faktor der Euro-Krise. Chinas Überschuss (als Anteil vom BIP) ist gefallen, doch die langfristigen Auswirkungen müssen sich erst noch einstellen.

Chancengleichheit in den USA hat sich als Mythos entpuppt

Amerikas Gesamthandelsdefizit wird ohne eine Erhöhung der inländischen Ersparnisse und eine grundlegendere Änderung der globalen Währungsordnung nicht verschwinden. Erstere würde den Abschwung im Lande verschärfen, und keine dieser Änderungen steht derzeit an. Obwohl China seinen Konsum steigert, wird es nicht zwangsläufig mehr US-Waren kaufen. Es dürfte eher den Konsum nicht gehandelter Güter (wie Krankenversorgung und Bildung) steigern, was zu tiefgreifenden Störungen der globalen Lieferkette führen dürfte – namentlich in Ländern, die bisher Materialien an die chinesischen Exporteure in der produzierenden Industrie lieferten.

Schliesslich gibt es eine weltweite Ungleichheitskrise. Das Problem ist nicht allein, dass die obersten Einkommensgruppen einen grösseren Anteil am wirtschaftlichen Kuchen erhalten, sondern auch, dass die Bezieher mittlerer Einkommen am wirtschaftlichen Wachstum nicht teilhaben, während zugleich in vielen Ländern die Armut wächst. Die Chancengleichheit ist in den USA als Mythos entlarvt worden.

Während die grosse Rezession diese Trends verschärfte, zeichneten sie sich lange vor deren Einsetzen ab. Tatsächlich habe ich (wie andere auch) argumentiert, dass die wachsende Ungleichheit einer der Gründe für den Konjunkturabschwung ist und dass sie teilweise aus dem tiefgreifenden, anhaltenden Strukturwandel der Weltwirtschaft herrührt.

Ein wirtschaftliches und politisches System, das die Ansprüche der meisten Bürger nicht erfüllt, lässt sich langfristig nicht aufrechterhalten. Irgendwann schwindet das Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft, und die Legitimität der bestehenden Institu­tionen und Vereinbarungen wird in Frage gestellt.

Die gute Nachricht ist, dass sich die Kluft zwischen Schwellenländern und hoch entwickelten Ländern in den letzten drei Jahrzehnten stark verringert hat. Trotzdem leben nach wie vor Hunderte von Millionen von Menschen in Armut. Bei der Verringerung der Kluft zwischen den am wenigsten entwickelten Ländern und der restlichen Welt hat es kaum Fortschritte gegeben.

Hierbei spielen unfaire Handelsübereinkommen eine Rolle – unter anderem der Fortbestand nicht zu rechtfertigender Agrarsubventionen, die die Preise drücken, von denen das Einkommen vieler der Ärmsten abhängig ist. Die entwickelten Länder haben ihr im November 2001 in Doha gegebenes Versprechen, ein entwicklungsfreundliches Handelssystem zu schaffen, und auch ihre Zusage vom G8-Gipfel in Gleneagles aus dem Jahre 2005, die ärmsten Länder deutlich stärker zu unterstützen, nicht eingehalten.

Der Markt allein wird keines dieser Probleme lösen. Die globale Erwärmung ist in ihrem Kern ein «Kollektivgüterproblem». Um die strukturellen Veränderungen vorzunehmen, die die Welt braucht, müssen unsere Regierungen eine aktivere Rolle übernehmen – und dies zu einer Zeit, in der in Europa und den USA die Forderungen nach Haushaltskürzungen lauter werden.

Globale Erwärmung, Ungleichheit und Armut jetzt bekämpfen

Wir sollten uns bei unseren Bemühungen zur Bewältigung der aktuellen Krisen fragen, ob wir darauf nicht in einer Weise reagieren, die unsere langfristigen Probleme verschärft. Der von den «Defizitfalken» und Befürwortern der Sparpolitik vorgegebene Kurs schwächt die aktuelle Konjunktur und untergräbt die Zukunftsaussichten. Die Ironie ist, dass es eine Alternative gibt: So in unsere Zukunft zu investieren, dass damit zugleich die Probleme der globalen Erwärmung, der weltweiten Ungleichheit und Armut und des nötigen Strukturwandels bekämpft werden.

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor an der Columbia University. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen «Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht».© Project Syndicate, 2013

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