Die Prognosesaison beginnt. Die Schweizer Konjunkturforscher liefern derzeit ihre Schätzungen für das Wirtschaftswachstum 2012 ab. Doch sie liegen so weit aus­einander wie kaum je zuvor.

Während die Credit Suisse ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 2 Prozent voraussagt, erwartet die Bank Sarasin nur ein Plus von 0,6 Prozent. Einzig im Jahr 2009, nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers, war die Prognoseunsicherheit noch grösser als heute. «Es ist ein ziemlicher Blindflug», sagt CS-Chefökonom Martin Neff. «Es herrschen grosse Unsicherheiten über die weltwirtschaftliche Entwicklung», bestätigt Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich.

Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin, beobachtet vor allem zwei Entwicklungen, welche die Prognosearbeit seit Ausbruch der Finanzkrise «ungemein komplizierten»: Der zunehmende Einfluss der Obligationenmärkte und der Politik. «Ich werde immer mehr auch zum Anleihen- und zum Politanalyst», sagt Poser. So beeinflusst die Einschätzung der politischen Probleme bei der Lösung der Euro-Krise auch direkt die Prognosen der Konjunkturforscher.

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In den nächsten Wochen müssen die Parlamente der Euro-Zone das zweite Rettungspaket verabschieden. In Deutschland, den Niederlanden und in Finnland nimmt die Opposition gegen die Massnahmen zu. Immer mehr Experten halten einen Staatsbankrott Griechenlands für unvermeidlich. An den Finanzmärkten wächst deshalb die Spannung. Die Ratingagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit von Crédit Agricole und Société Générale heruntergestuft, vor allem wegen deren hohen Engagements in Griechenland.

Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten der Schweizer Prognostiker ist das grosse Gewicht der hiesigen Rohstoffhandelskonzerne. Jede Verwerfung an den Märkten für Öl oder Industriemetalle schlägt sich daher im Wachstum nieder. Vorauszusehen sind sie aber kaum.