Internationale Finanzunternehmen stellen jetzt zunehmend ihr Engagement in Russland in Frage. Der einstige Wachstumsmarkt hat sich angesichts der weiter verschärften westlichen Sanktionen zu einer Belastung gewandelt. Die erste Rezession in Russland seit 2009 vertieft sich. Und ein Ende ist zunächst nicht in Sicht.

Die Liste der Aussteiger wird entsprechend schnell länger. Franklin Templeton, die knapp 900 Milliarden Dollar verwalten, liquidieren derzeit ihren Russland-Fonds, während die französische Bank BNP Paribas sich aus einem russischen Fondsmanagement-Joint-Venture zurückzieht. Der deutsche Rückversicherer Munich Re hat die Niederlassung in Moskau bereits dicht gemacht. Russische Kunden werden nun von München aus betreut.

«Kein Licht am Ende des Tunnels»

Mehrere Faktoren begünstigen derzeit den Abstieg des Landes. Der russische Rubel hat seit seinem Hoch in diesem Jahr im Mai um 18 Prozent abgewertet, im Konflikt um die Ostukraine bleibt eine durchgreifende Wende aus, was die Aufhebung der westlichen Sanktionen nicht wahrscheinlich macht, und schliesslich schmälert der chronisch fallende Ölpreis die Erträge aus dem Export von Rohöl und Gas nachhaltig.

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Auch die russische Börse bildet diese Misere ab. Der in Dollar denominierte RTS Index hat seit seinem Hoch in diesem Jahr in Moskau 18 Prozent verloren. Nicht wenige Anleger arbeiten am Ausstieg aus russischen Aktienbeständen. «Es gibt derzeit kein Licht am Ende des Tunnels», stellte Investmentstratege Simon Fentham-Fletcher von Freedom Asset Management fest.

BNP Paribas macht einen Rückzieher

BNP Paribas hat sich mit dem Verkauf seines Anteils am Joint-Venture TKB BNP Paribas Investment Partners an einen russischen Geschäftsmann für eine nicht näher genannte Summe getrennt. Vor gerade einmal sechs Jahren hatte das Engagement begonnen, als BNP die belgische Bank Fortis übernahm. Ende April verwaltete das Unternehmen aus St. Petersburg laut Webseite rund 3 MIlliarden Dollar.

BNP Paribas ist aber seit 1974, also bereits seit Sowjetzeiten, in Russland tätig. Mit der staatlichen OAO Sberbank besteht eine Zusammenarbeit bei Verbraucherkrediten. Tätig sind die Franzosen überdies im Firmenkundengeschäft und im Investmentbanking sowie in den Bereichen Versicherung und Fahrzeugleasing.

Entwicklungsbank auf Diät

Auch die zum Aufbau von Wirtschaftsstrukturen in Osteuropa 1991 ins Leben gerufene Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) baut das Engagement in Russland ab. Der Anteil der Bank am Versorger Enel Russia wurde verkauft und die Beteiligung am Supermarktbetreiber Lenta Ltd reduziert.

Es handelt sich um eine «normale Portfoliobereinigung», stellte dazu der Sprecher Richard Wallis von der EBRD in Moskau fest. Die EBRD hatte die Finanzierung in Russland vor etwa einem Jahr beendet, und das mit der Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim begründet. Das Portfolio der Bank in Russland ist seit Jahresbeginn von 6,8 Milliarden Euro auf 6,3 Milliarden Euro geschrumpft, wie Sprecher Wallis erklärte.

Historische Parallele

«Einige Banken erwägen nun den Rückzug, aber mit dem Willen, bei einer Besserung der Lage zurückzukehren», sagte Tom Adshead von der Unternehmensberatung Macro Advisory in Moskau, der vormals bei der EBRD als Banker tätig war.

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Dafür gibt es auch eine historische Parallele: Grossbanken wie Goldman Sachs Nomura Holdings und andere verliessen Russland im Krisenjahr 1998, als die Aktien- und Anleihemärkte kollabierten und der Rubel stark abwertete. Nach der Wahl von Wladimir Putin im Jahr 2000 und mit den deutlich steigenden Ölpreisen kehrten die Institute wieder zurück, und sie nahmen in den folgenden Jahren an einer beispiellosen Erholung teil.

(bloomberg/ise/mbü)