Heathrow oder Gatwick? Lange war unklar, welcher Londoner Flughafen eine zusätzlich Startbahn bekommt. Experten haben jetzt für Heathrow plädiert. Entschieden ist der Flughafenstreit damit aber noch nicht.

Die Werbeanzeige im U-Bahnhof Westminster wirkt triumphierend. «Eine Entscheidung für Heathrow ist eine Entscheidung für Grossbritannien» - in grossen Buchstaben, Dunkelblau auf Weiss, bekommt das derzeit jeder zu lesen, der treppab eilt zu den Zügen, die unterhalb des britischen Parlaments verkehren.

Experten wählten Heathrow

Es scheint als wollten die Betreiber von Europas grösstem Flughafen erklären: Londons Airportkampf ist beendet, die Landebahnenschlacht gewonnen.

Nach langem Abwägen hat sich eine Expertenkommission der britischen Regierung im Juli für eine dritte Startbahn am Drehkreuz im Westen der Stadt ausgesprochen - und damit gegen eine Expansion von Gatwick, dem zweitgrössten Flughafen des Landes südlich von London. Drei Jahre beriet das Gremium, welchem Standort es den Vorzug gibt.

Am Ende gaben wirtschaftliche Argumente den Ausschlag, trotz grosser Bedenken bei Umweltfragen. In diesem Punkt hätte Gatwick die besseren Karten.

Freude bei Fluggesellschaften

Viele Airlines, die Industrie sowie die Londoner Wirtschaft freuen sich über die Empfehlung für Heathrow. Das letzte Wort aber ist noch nicht gefallen, abschliessend entscheidet allein die Regierung um Premierminister David Cameron, welcher Flughafen ausgebaut wird - obwohl, mit Widerstand von Bürgern zu rechnen ist.

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Seit den 70er-Jahren schon wird in London über eine Erweiterung von Heathrow diskutiert. Mit einer Auslastung von 98 Prozent stösst der Airport seit Jahren an die Grenzen seiner Kapazität. 73,4 Millionen Passagiere fertigte der Flughafen im vergangenen Jahr ab, so viele wie noch nie zuvor.

Heathrow ist die Nummer drei

Als weltweite Nummer drei hinter Atlanta und Peking liegt Heathrow so in Europa zwar noch immer an der Spitze; vor Paris mit 63,8 Millionen und Frankfurt mit 59,6 Millionen Reisenden. Beim Passagierzuwachs aber fiel Londons Riesen-Airport mit nur 1,4 Prozent hinter den Rivalen zurück - obwohl im Schnitt alle 90 Sekunden ein Flieger abhebt und immer grössere Maschinen fliegen.

In Gatwick, das anders als Heathrow auch von Billiglinien wie Ryanair und Easyjet angeflogen wird, brüstet man sich dagegen mit einem Passagierplus von 7,6 Prozent. 38,1 Millionen Reisende hoben dort ab. Mit einer zweiten Bahn könnte man langfristig zu Heathrow aufschliessen, sagt Geschäftsführer Stewart Wingate.

Ausbau billiger in Gatwick

Ein Vorteil für Gatwick: Die Kosten für die Expansion lägen nach BBC-Berechnungen mit rund 9,3 Milliarden Pfund (14 Milliarden Franken) deutlich unter denen für den Heathrow-Ausbau, der durch Entschädigungen für Hausbesitzer und einem Autobahntunnel geschätzt 18,6 Milliarden Pfund fällig würden.

Ob Gatwick den Kampf doch noch für sich entscheidet, ist trotzdem fraglich. 70'000 neue Jobs bis 2050 und ein Wirtschaftswachstum von bis zu 147 Milliarden Pfund könnte die dritte Bahn in Heathrow schaffen, sagen Experten. In Gatwick wären es nur 89 Milliarden Pfund. Heathrow würde zudem als Drehkreuz für Überseeflüge gestärkt. Bei internationalen Abfertigungen hatte jüngst Dubai Heathrow abgehängt.

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Nicht zuletzt weil es kaum Transfermöglichkeiten zwischen Heathrow, Gatwick und den anderen Londoner Airports Stansted, Luton, City und Southend gibt, sprechen sich deshalb auch die meisten Airlines für Heathrow aus. Dort landen auch die deutsche Lufthansa und Germanwings.

Freude bei Wirtschaftsvertretern

Wirtschaftsvertreter begrüssten das Urteil ebenfalls: Jetzt, da alle Fakten auf dem Tisch lägen, warteten Firmen aus dem ganzen Land auf einen Baustart in Heathrow vor 2020, sagte der Chef der britischen Handelskammer, John Longworth.

Ob dieses Datum zu halten ist, ist allerdings offen. Zwar hat Premierminister David Cameron angekündigt, bis Ende des Jahres eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Johnson wehrt sich für Hausbesitzer

Prominenter Widerstand droht jedoch in Person von Londons Bürgermeister Boris Johnson und anderer einflussreicher Politiker, deren Wahlkreise im Westen der Stadt von zusätzlichem Fluglärm betroffen wären. Zudem haben sich mehrere Bürgerbewegungen gegründet.

(sda/mbü)