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Rangverlust
Londons «Brexodus» bietet Chancen für Zürich

Zürich: Das Vermögensverwaltungsgeschäft könnte von Brexit profitieren. Keystone

Mit dem Brexit verliert der Finanzplatz London an Glanz, internationale Grossbanken wollen Tausende Stellen aus der City abziehen. Auch Zürich könnte vom Abstieg Londons profitieren.

Von Marc Bürgi
am 27.06.2016

London muss um seine führende Rolle als Finanzplatz fürchten. Denn mit dem Brexit geht der «City» wohl ein entscheidender Vorteil verloren. Bis jetzt profitierten Grossbanken dort vom freien Marktzugang zur Europäischen Union. Nun wird dieser Zugang zumindest auf längere Zeit versperrt, und London büsst seine Stellung als unbestrittenes Zentrum des europäischen Kapitalmarkts ein.

Die grossen Banken ziehen die Konsequenzen. Verschiedene Institute erwägen, Geschäftsteile von London in den EU-Raum zu verlagern. HSBC will beispielsweise rund tausend Mitarbeiter aus der City abziehen. Mehrere Medien spekulierten über das Wochenende, dass auch die Schweizer Grossbanken UBS und CS ihre Aktivitäten in London zurückfahren könnten.

Chancen für Vermögensverwalter

Von den Problemen Londons profitieren EU-Finanzplätze wie Paris, Frankfurt, Dublin oder Luxemburg. Aber auch Zürich könnte Vorteile daraus ziehen, sagt Martin Eichler, Chefökonom des Forschungsinstituts Bak Basel. Besonders in der Vermögensverwaltung sieht Eichler Chancen für Zürich. «Dort liegen die Stärken der Schweiz.» Nicht nur die reine Vermögensverwaltung könnte profitieren, sondern auch die damit verzahnten Aktivitäten etwa im Asset Management, erklärte Eichler. Wegen der Weissgeldstrategie sei Geld von Zürich abgeflossen. Nun biete sich die Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen.

Die Schweiz ist weltgrösster Vermögensverwalter, rund ein Viertel aller grenzüberschreitenden Vermögen werden hierzulande betreut. Aber auch London ist ein bedeutender Standort im Private Banking mit einem Anteil von 12 Prozent. Und im Asset Management – der Vermögensverwaltung für professionelle Investoren – spielt London eine gewichtige Rolle. In diesem Geschäft ist die Schweiz kein führender Anbieter.

Deregulierung könnte London helfen

Dass London aber tatsächlich so stark unter dem Brexit leidet, ist nicht garantiert. Bak Basel-Ökonom Eichler sieht sogar eine Möglichkeit, dass der Finanzplatz einen Vorteil daraus zieht. «Wenn Grossbritannien den Finanzsektor stark dereguliert, könnte das London für die Finanzunternehmen sogar noch attraktiver machen und somit stärken.»

Zudem ist die Schweiz mit einem ähnlichen Problem wie Grossbritannien konfrontiert: Der Zugang des Finanzsektors zum EU-Markt ist ebenfalls bedroht – und dieses Risiko gefährdet  auch hierzulande Stellen. Bundesbern hofft deshalb auf ein Finanzdienstleistungsabkommen mit Brüssel. Wegen des Konflikts mit der EU in der Zuwanderungsfrage sind in diesem Dossier allerdings keine schnellen Resulate zu erwarten.

Maurer plant Charmeoffensive

Der neue Finanzminister Ueli Maurer setzt deshalb nicht nur auf politische Lösungen: In Zusammenarbeit mit der Bankenbranche plant der Bundesrat eine Werbeoffensive für den Finanzplatz im Ausland. Ziel ist es, etwa die Schweizer Vorreiterrolle bei der Geldwäschereibekämpfung stärker bekanntzumachen. Das genaue Konzept will Maurer kommenden Herbst vorstellen.

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