EZB-Chef Mario Draghi will mit dem massenhaften Kauf von Verbriefungen und Pfandbriefen den Kreditfluss in Krisenländern beleben und die lahmende Wirtschaft so ankurbeln. Besonders die von der Kreditklemme sehr hart getroffenen klein- und mittelständischen Firmen im Süden der Währungsunion sollen profitieren. Kritiker wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann oder der ehemalige deutsche Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, fürchten, dass die Notenbank immer mehr Risiken auf ihre Bilanz nimmt und so zur «Bad Bank» Europas wird.

Nachfolgend die wichtigsten Informationen zu den Märkten für Kreditverbriefungen und Pfandbriefe in Europa: Erstere sind in der Finanzkrise 2007/08 vor allem in den USA in Verruf geraten. Letztere galten und gelten wegen ihrer gesetzlichen Garantie vor allem in Deutschland als sicher. Welche Papiere die EZB genau kaufen wird und zu welchen Konditionen, wollen die Währungshüter Anfang Oktober mitteilen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters planen die Notenbanker bis zu 500 Milliarden Euro dafür auszugeben.

Dünnes Eis

Zumindest in den Augen der deutschen Öffentlichkeit wagt sich Draghi mit dem Ankauf von Kreditverbriefungen auf ziemlich dünnes Eis. Bei vielen gelten die komplexen Papiere noch immer als Brandbeschleuniger aus der Anfangszeit der Finanzkrise. Damals entpuppten sie sich vor allem in den USA häufig als Luftbuchung, als die Käufer der im Fachjargon Asset Backed Securities (ABS) genannten Papiere massive Verluste machten. Was für die USA galt, gilt laut EZB jedoch keineswegs für Europa. Nach Angaben der Notenbank lag die Ausfallrate der ABS-Papiere, in denen Kredite an klein- und mittelständische Unternehmen gebündelt wurden, selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise bei deutlich unter einem Prozent.

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Dennoch ist das Image von ABS verheerend, der Markt nur noch vergleichsweise mickrige 100 Milliarden Euro gross. Dies auch deshalb, weil hohe Anforderungen der Regulierer es nicht gerade attraktiv machen, Kredite zu bündeln und zu verkaufen beziehungsweise zu erwerben. Nach Ansicht der EZB können Verbriefungen aber durchaus nützlich sein und dazu führen, dass selbst extrem vorsichtige Banken wieder mehr Kredit an kleinere und mittlere Firmen geben. Diese Unternehmen bilden das Rückgrat der Wirtschaft in den 18 Euro-Staaten. Vor allem in Krisen-Ländern wie Griechenland oder Portugal haben sie noch immer enorme Schwierigkeiten, an frische Mittel zu kommen.

Bankbilanzen entlasten

Fachleute gehen davon aus, dass ein grossangelegtes Kaufprogramm der EZB für Verbriefungen - von Firmen- ebenso wie von Auto-Krediten oder Hypothekendarlehen - die Bankbilanzen entlasten kann. Banken müssen für jeden Kredit, den sie selbst in ihrer Bilanz stehen haben, Eigenkapital vorhalten. Es würde somit Eigenkapital frei, sollte eine Bank Darlehen an Investoren weiterverkaufen. Mit dem so gewonnenen Eigenkapital könnte das Institut dann neue Kredite unterlegen. Viele Banken hoffen nun auf eine Art von «Katalysatoreffekt»: Barclays Capital beispielsweise schätzt, dass ABS alleine in der Euro-Zone ein Potenzial von bis zu 600 Milliarden Euro haben. Ohne eine Initialzündung durch die EZB dürfte es aber wohl kaum zu solchen Volumina kommen.

Allerdings steht die EZB nach Ansicht des renommierten Frankfurter Bank-Experten Jan-Pieter Krahnen vor einem Dilemma. Wenn sie ein grösseres Volumen kaufen will, müsste sie auch die als nicht ganz so sicher geltenden Tranchen der ABS-Papiere kaufen - die sogenannte Mezzanine-Tranche und die Equity- oder Erstverlust-Tranche. Diese sind aber deutlich ausfallgefährdeter als die Senior Tranche. «Sollte die EZB diese Vorsichtsmassnahme jedoch beherzigen, kann sie die Finanzinstitute, denen sie ABS-Papiere abkauft, nicht in grossem Masse von Risiken entlasten. So steht den Banken aber auch das für diese Risiken unterlegte Eigenkapital nicht frei für neue Kredite.»

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Die Sache mit den Pfandbriefen

Auch die Regierungen in Berlin und Paris sind an einer Renaissance des Verbriefungsmarktes interessiert, der zu mehr Investitionen in der Euro-Zone beitragen soll. In einem gemeinsamen Arbeitspapier für das europäische Finanzministertreffen regten der deutsche Ressortchef Wolfgang Schäuble und sein französischer Kollege Michel Sapin an, den Markt mit Verbriefungen «hoher Qualität» wiederzubeleben.

Parallel zu den geplanten ABS-Käufen greift Draghi mit dem avisierten Aufkauf von Pfandbriefen und forderungsbesicherten Papieren - sogenannten Covered Bonds - auf altbewährte Rezepte zurück. Mit zwei milliardenschweren Programmen hatte die EZB diesen Markt bereits vor ein paar Jahren gestützt. Dabei regte sich keine Kritik, denn diese etwa mit Krediten an den Staat besicherten Papiere gelten als solide. Da die EZB das Volumen ihres zweiten Pfandbriefankaufprogramms nicht ausgeschöpft hat, überrascht es nun, dass Draghi nachlegt. «Am Markt gibt es seit langer Zeit eine hohe Nachfrage bei relativ überschaubarem Angebot. Nachfragemangel besteht also nicht», sagt Sascha Kullig vom Verband deutscher Pfandbriefbanken (VdP).

Realwirtschaft finanzieren

Früher ging es der EZB bei ihren Ankäufen in den Nachwehen der Finanzkrise in erster Linie darum, den Interbankenmarkt zu stabilisieren, auf den sich die Institute untereinander Geld leihen. Nun ist es auch die erklärte Absicht Draghis, mit den gedeckten Papieren die Realwirtschaft zu finanzieren. Dabei schaut die EZB - wie bei den ABS - vor allem auf den Süden der Währungsunion, wo Kreditfluss und Konjunktur stocken. So findet etwa Italien nicht aus der Rezession. Und Frankreichs Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Ins Blickfeld der EZB könnten Covered Bonds rücken, die mit Darlehen kleinerer und mittlerer Unternehmen (SME) besichert sind.

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In Spanien und Italien wurden die Voraussetzungen für solche Anleihen bereits auf den Weg gebracht, wie Karsten Rühlmann von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) erläutert: «Der Markt steckt aber noch in den Kinderschuhen.» In Frankreich sei der Covered-Bond-Markt im Umbruch. «Vieles muss sich noch finden, nachdem sich der einst grösste Emittent Dexia aufgespalten hat.» Der französische Markt war demnach im vergangenen Jahr 344,2 Milliarden Euro gross. In Deutschland waren es 452,2 Milliarden Euro. Das Gesamtvolumen ausstehender Covered Bonds lag Ende 2013 in Europa bei 2,5 Billionen Euro. Hierzulande hat die Commerzbank Anfang 2013 erstmals einen Bond aufgelegt, der durch Forderungen an klein- und mittelständische Unternehmen gedeckt ist. Die Investoren griffen beherzt zu.

(reuters/gku)