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Interview
«Märkte kommen nicht ins Gleichgewicht»

William White: Der frühere Chefökonom der BIZ ist besorgt.   Keystone

Der Wirtschaftsexperte William White warnte früh vor der Finanzkrise 2008. Heute sei das Umfeld vergleichbar mit der Zeit vor dem grossen Sturm – keineswegs nur in den strauchelnden Schwellenländern.

Von Mathias Ohanian und Armin Müller
am 30.01.2014

Der weltweit anerkannte Wirtschaftsexperte William White hat die aktuelle Lage auf den Kapitalmärkten mit der Zeit kurz vor Ausbruch der globalen Finanzkrise verglichen. «Ich habe den Eindruck, dass wir in gewisser Weise ein Umfeld schaffen, das wir 2006 und 2007 hatten», sagte der frühere Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) im Gespräch mit handelszeitung.ch in Zürich. Diese Entwicklung sei «beängstigend». Auch die aktuellen Probleme der globalen Schwellenländer seien Besorgnis erregend.

Das Wort des früheren Chefökonomen der in Basel ansässigen BIZ – so etwas wie die Bank der Zentralbanken – hat Gewicht. White gehört zu den Koryphäen seiner Zunft: Lange vor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 warnte er vor den aufkommenden Ungleichgewichten im Finanzsektor.

White warnte vor der grossen Finanzkrise

Schon 2003 forderte er in einem über 80-seitigen wissenschaftlichen Aufsatz gemeinsam mit seinem Kollegen Claudio Borio, Notenbanken sollten der veränderten Wirtschaftswelt Rechnung tragen und sich gegen diese Ungleichgewichte stemmen – selbst wenn die Inflation noch niedrig und kein offensichtlicher Handlungsbedarf zu erkennen sei. Den damaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan kritisierte er wiederholt für seine lockere Geldpolitik.

Die Entwicklung an den Finanzmärkten wird nach Ansicht von White auch heute wieder zu einem Teil von dem billigen Geld der Notenbanken getrieben. Betroffen sei neben den Bond- und Aktienmärkten auch der Handel mit Staatsanleihen. «Auf allen Märkten sind die Preise sehr hoch», so White. Die Gefahr sei, dass sich die Preise immer weiter von der fundamental gerechtfertigten Entwicklung weg bewegten – und letztlich langfristige Verzerrungen hervorriefen. «Ich bin weniger besorgt um die kurzfristige Erholung als um die Nachhaltigkeit der Erholung.»

Schwellenländer: «Ungleichgewichte importiert»

Leiden darunter auch die aktuell schwer angeschlagenen Schwellenländer rund um den Globus? Nach Ansicht von White ist das der Fall. Beunruhigend sei, dass viele Schwellenländer in den vergangenen fünf Jahren grosse Kapitalzuflüsse verzeichnet und so «Ungleichgewichte importiert» hätten. Die Lage der Schwellenländer sei vergleichbar mit jener der industrialisierten Welt vor der Finanzkrise 2008.

Durch den starken Zufluss ausländischen Kapitals sei es in vielen Ländern bereits zu Inflation und Fehlinvestitionen in einigen Bereichen – etwa an den Immobilienmärkten – gekommen. Nun, da das Kapital diese Länder verlasse, verschärfe sich das Problem erneut. Der Schaden für die aufstrebenden Volkswirtschaften sei «doppelt».

«Die Märkte kommen nicht ins Gleichgewicht»

«Ich hoffe, es kommt nicht so schlimm wie 1997», sagte White. Seinerzeit stürzten viele Währungen südostasiatischer Staaten ab. Es folgten schwere Rezessionen, die Arbeitslosigkeit schnellte nach oben. Positiv sei heute, dass der Bankensektor nicht so sehr wie damals betroffen und der drohende Schaden für die Realwirtschaft geringer sei. Negativ hingegen, dass mit Indien, Indonesien, China, Argentinien oder der Türkei Schwellenländer rund um den Globus im Zentrum der Unruhen stünden - und die internationalen Finanzmärkte stärker miteinander verbunden seien. Das Problem damit: Die Ansteckungseffekte könnten bei einer ernsthaften Krise grösser sein.

Kapitalverkehrskontrollen, so wie sie Brasilien bereits einführte, seien angesichts dessen nachvollziehbar. «Die Zuflüsse von Kapital in diese Länder stellen einen Marktfehler dar.» Nach gängiger Lehrbuchtheorie müssten überbewertete Währungen früher oder später eigentlich im Wert sinken. Dies sei im Fall von Brasilien jedoch nicht der Fall gewesen. «Die Märkte kommen nicht ins Gleichgewicht», sagte White, der am gestrigen Donnerstag auf Einladung der Denkfabrik Council on Economic Policies (CEP) auch eine Vorlesung in Zürich hielt.

Yellen «taubenhafter» als Bernanke

Auf die neue Vorsitzende der US-Notenbank Fed hält White zwar grosse Stücke: Janet Yellen bringe aussergewöhnliche Fähigkeiten  mit – sowohl akademisch als auch aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung bei der US-Notenbank. Die Fed werde auch unter Yellen an ihrer im Dezember begonnenen Reduzierung der monatlichen Anleihekäufe festhalten.

Allerdings, so White, werde die Zentralbank unter der neuen Vorsitzenden womöglich eine laxere Geldpolitik verfolgen als es bei einer weiteren Amtszeit von Ben Bernanke der Fall gewesen wäre. Sollten sich die Probleme der US-Konjunktur verschärfen, könnte die Fed den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik hintanstellen, sagte White, der nach vielen Jahren bei der BIZ noch heute in Basel wohnt. Yellen sei wahrscheinlich «taubenhafter» als Bernanke.

Als geldpolitische Taube werden Notenbanker bezeichnet, die grösseres Augenmerk auf die konjunkturelle Erholung als die Inflation richten. Nach Auffassung von White gibt es jedoch auch Anlass zu leichter Hoffnung: Inzwischen arbeiteten in der ersten Reihe der Fed mehr Fachleute, die auf die langfristigen Folgen der Geldpolitik schauten und auch die Vorgänge am Bankensektor zunehmend kritisch beäugten.

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