Nachdem das Ende des Euro-Mindestkurses der Schweizerischen Nationalbank (SNB) für Schockwellen gesorgt hat, blickt die Finanzwelt am Donnerstag nach Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer historischen Entscheidung. Denn Notenbank-Präsident Mario Draghi scheint fest entschlossen, auf dem ersten geldpolitischen Treffen der Währungshüter in diesem Jahr die Geldschleusen ganz weit zu öffnen und den Banken noch mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen.

In Vorbereitung ist ein breit angelegter Aufkauf von Euro-Staatsanleihen – im Fachjargon «quantitative Lockerung» (QE) genannt. Auch wenn die deutsche Bundesbank einen solch unkonventionellen Schritt weiterhin ablehnt, dürfte Draghi mittlerweile eine Mehrheit im EZB-Rat sicher haben.

Der vor allem an den Finanzmärkten mit Spannung erwartete EZB-Beschluss, der am Donnerstag verkündet werden könnte, hat bereits im Vorfeld für Turbulenzen gesorgt. So drückte er in letzter Zeit immer wieder auf die Untergrenze der SNB, welche Thomas Jordan nun fallengelassen hat.

Märkte spekulieren auf Geld-Bazooka

An der Börse gilt die neuerliche Geldspritze der EZB inzwischen als ausgemachte Sache – entsprechend hoch ist allerdings auch das Risiko, sollte Draghi anders entscheiden. «Allein aus Gründen der Glaubwürdigkeit scheint QE unvermeidbar», so die Volkswirte der Grossbank UniCredit.

Auch Helaba-Analyst Ulrich Wortberg geht fest davon aus, dass die EZB liefern wird. «Die Frage ist jetzt, wie die Details und das Volumen aussehen werden.» Die UniCredit-Experten erwarten mindestens 500 Milliarden Euro für Staatsbonds und bis zu 250 Milliarden zusätzlich für Unternehmensanleihen sowie weitere Wertpapiere.

Vorbild: USA

Draghis Kalkül hinter dieser ultra-lockeren Geldpolitik nach dem Vorbild der USA: Weiter fallende Bonds-Renditen sollen Banken dazu bringen, wieder in riskantere Anlageprodukte zu investieren und etwa mehr Kredite zur Verfügung zu stellen. Die derzeit lahmende Konjunktur in der Euro-Zone würde dadurch angekurbelt – und die Teuerungsrate wieder steigen. Die Gefahr eines Abwärtssogs aus fallenden Preisen, schwachem Konsum und schrumpfenden Investitionen – Deflation genannt – könnte abgewendet werden.

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In der Euro-Zone waren die Lebenshaltungskosten im Dezember erstmals seit mehr als fünf Jahren um 0,2 Prozent gefallen – das Inflationsziel der EZB liegt weit entfernt davon bei knapp zwei Prozent. Entsprechend gross ist mittlerweile der Handlungsdruck für die Euro-Währungshüter.

Volle Breitseite gefordert

Nach Ansicht des Berliner Ökonomen Marcel Fratzscher sollte Draghi gleich in die Vollen gehen. «Die EZB sollte versuchen, die Märkte zu überraschen und eher sofort auf die tausend Milliarden Euro zu gehen», sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zur Nachrichtenagentur Reuters. Dies sei über einen Zeitraum von zwei Jahren durchaus möglich. Die Summe entspräche rund zehn Prozent der Staatsanleihen der Euro-Zone, so der Ökonom, der bis 2012 für die EZB arbeitete – zuletzt als Abteilungsleiter für wirtschaftspolitische Analysen.

Über die Details des Programms wird jedoch nach wie vor heftig unter den Notenbankern gerungen. So muss geklärt werden, ob alle Staatsanleihen von der EZB gekauft werden oder ob auch die Zentralbanken der Länder auf eigenes Risiko Titel erwerben sollen. Auch die Frage, welche Papiere aufgekauft werden sollen und welche Bonität sie haben dürfen, muss beantwortet werden, wie auch eine mögliche Obergrenze. Eine Option dabei wäre, entsprechend der Grösse und Wirtschaftskraft der Länder Bonds zu erwerben. Würden nur Titel mit dem höchsten AAA-Rating gekauft, wären nur ganz wenige Länder im Boot.

Weil viele technische Dinge noch geklärt werden müssen, könnte Draghi laut Experten am Donnerstag womöglich nur einen grundsätzlichen Beschluss präsentieren. Die Details würden dann bis zur darauffolgenden Ratssitzung am 5. März in Zypern ausgearbeitet.

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(reuters/ise/me)