Handelszeitung Online: Mario Draghi will die EZB auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen kaufen lassen. Trotzdem reagierten die Märkte negativ. Weshalb? 
Jörn Spillmann: Draghi hat den Anleihenkauf an Bedingungen geknüpft: Damit die EZB die Anleihen eines Landes stützt, muss sich dieses unter den Euro-Rettungsschirm begeben und Restrukturierungsmassnahmen einleiten. Erhofft hatte man sich den bedingungslosen Kauf von Anleihen. 

Was hielt die EZB von einer Entscheidung dafür ab? 
Die Gefahr von «Moral Hazard», also dass sich die Staaten auf die Hilfe der EZB verlassen und zurücklehnen könnten. Man hat bereits gesehen, dass die Krisenstaaten der Eurozone erst dann handeln,wenn die Zinsen untragbar werden. Kündigt die EZB nun den bedingungslosen Kauf von Staatsanleihen an, besteht die Gefahr, dass der Reformwillen der dortigen Regierungen wieder deutlich nachlässt.

Kämen die Märkte schneller wieder auf Kurs, falls die Bundesbank sich hinter die EZB stellen würde?
Letztlich ist die Bundesbank nur einzelnes Mitglied eines Gremiums mit Mehrheitsentscheid, wenn auch eines mit hohem Gewicht. Sie kann Kritik üben, die EZB aber letztlich nicht von ihrem Kurs abbringen. 

Deutschland sind also die Hände gebunden? 
Es geht im politischen Prozess nicht darum, Extrempositionen durchzusetzen, sondern einen akzeptablen Kompromiss zu erzielen. Die Bundesbank dürfte ihre harte Haltung beibehalten, eshäufen sich aber die Anzeichen, dass Merkel ihre Meinung bezüglich der aktiven Unterstützung der Krisenstaaten langsam ändert. 

Weshalb?
Mit Italien und Spanien sind mittlerweile die dritt- beziehungsweise viertgrösste Volkswirtschaft der EU betroffen. Falls diese dauerhaft in ihrer Krise verharren, hat das auch spürbare realwirtschaftliche Auswirkungen auf Deutschland. Eine Rezession käme - gerade auch im Hinblick auf die Wahlen 2013 – für die Bundesregierung höchst ungelegen.

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Was bedeutet die Ankündigung von gestern Donnerstag für die Banken der Eurozone?
Kurzfristig haben die Ankündigungen zu mehr Unsicherheit geführt, besonders für die Banken im Süden der Eurozone.

Obwohl Draghi einen Kauf von Anleihen grundsätzlich für möglich erklärt?
Ja, denn in den letzten Monaten haben diese Institute mit billigem Geld von der EZB hoch verzinste Staatsanleihen zugekauft. Für diese Banken muss ein weiterer Schuldenschnitt um jeden Preis verhindert werden, sonst müssten sie enorme Verluste hinnehmen. Die Unsicherheit darüber könnte zu neuen Turbulenzen am Interbankenmarkt führen.

Was einem Versagen der EZB gleichkäme ...
… nein, das nicht. Aber sollte es dazu kommen, wäre die Zentralbank aufgrund ihres Mandates verpflichtet einzugreifen, was dann unter anderem auch den bedingungslosen Ankauf von Staatsanleihen mit einschliessen könnte.

Jörn Spillmann ist Leiter Volkswirtschaft International bei der Zürcher Kantonalbank.