Die Debatte um den Mindestlohn in der Schweiz nimmt an Fahrt auf. In gerade einmal zwei Monaten steht die Abstimmung an. Soll es eine garantierte Lohnuntergrenze von 4000 Franken im Monat geben? Ein Vergleich mit dem Bundesstaat Washington im Westen der USA könnte die Diskussion nun zusätzlich anheizen.

Im Jahr 1998 votierten die Bürger für eine Erhöhung des Mindestlohns. In den folgenden 15 Jahren kletterte die staatlich verordnete Lohnuntergrenze bis Anfang 2014 auf 9.32 Dollar, wie der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet. In keinem anderen US-Bundesstaat ist der Mindestlohn höher. Landesweit muss die Untergrenze bei mindestens 7.25 Dollar liegen.

Jobwachstum in Washington höher als US-Schnitt

Nach gängiger Auffassung müsste Washington heute mit hohen Joblosenquoten zu kämpfen haben: Denn je höher die Lohnuntergrenze, desto weniger können sich Arbeitgeber neues Personal leisten. So weit die Theorie. In der Praxis hingegen legte das Jobwachstum in Washington in den vergangenen 15 Jahren jedoch um jährlich 0,8 Prozent zu, wie Bloomberg berichtet – und liess damit weite Teile der USA hinter sich. Im amerikanischen Schnitt wurden seitdem jedes Jahr lediglich 0,5 Prozent neue Stellen geschaffen.

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In vier der fünf vergangenen Jahre lag die Arbeitslosigkeit in Washington unter dem Schnitt der gesamten USA. Das gilt auch heute: Aktuell liegt die entsprechende Quote bei 6,4 Prozent, gegenüber 6,6 Prozent in der gesamten USA.

Bürgermeister von Seattle will sogar 15 Dollar

In den Restaurants stiegen die Löhne demnach um 21 Prozent. Dabei gilt die Gastronomie als besonders sensibel für Lohnveränderungen. Der Bürgermeister der Hauptstadt Seattle Ed Murray sprach sich für seine Stadt kürzlich sogar für eine Anhebung des Mindestlohns auf 15 Dollar aus (siehe Video unten).

Doch kann Seattle tatsächlich als Vorbild für die Schweiz dienen? Auch hierzulande warnen Gegner: Eine Lohnuntergrenze gefährde massenhaft Jobs, weil viele Arbeitgeber die Forderung nicht stemmen könnten. «Für Swissmem ist die Kampagne gegen die Mindestlohn-Initiative sehr wichtig», sagt Hans Hess, der Chef des Industrieverbands. Die Vorbereitungen für die Kampagne laufen und man werde sich «stark für ein Nein engagieren.»  

Vergleich zwischen Seattle und Schweiz hinkt

Tatsächlich sind die USA und Schweiz nur bedingt vergleichbar: Die Forderung der Initianten hierzulande hält einen garantierten Lohn von 4000 Franken im Monat für angemessen. In der Stunde soll es mindestens 22 Franken geben. Absolut gesehen wäre das der weltweit höchste Mindestlohn der Welt.

Noch aussagekräftiger ist der Blick auf die relative Höhe des garantierten Lohns. Dafür setzen Fachleute die Lohnuntergrenze ins Verhältnis zum mittleren Einkommen. Und auch hier zeigt sich, dass die Mindestlohn-Initianten eine spendable Linie fahren: Laut Daten der Industrieländerorganisation OECD wäre der Mindestlohn weltweit nur noch in zwei Volkswirtschaften höher als in der Schweiz. Laut den Initianten liegt er gemessen am Medianlohn bei 61 Prozent – In den USA hingegen im Schnitt nur bei 38 Prozent.

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Davon weicht Washington wohl nicht nennenswert ab: Denn trotz grosser Arbeitgeber wie Microsoft und Amazon liegt das jährliche Pro-Kopf-Einkommen im nordwestlichsten US-Bundesstaat im landesweiten Vergleich lediglich auf Rang 10. Die Gefahr ist also entsprechend gross, dass ein so hoher Mindestlohn in der Schweiz – wie von Kritikern befürchtet – einige Jobs kosten könnte.