An Mini-Zinsen sind die Schweizer gewohnt. Doch sollen Anleger einen Strafzins zahlen, wenn sie ihr Erspartes bei der Bank deponieren wollen? Was absurd klingt, könnte doch Realität werden. Zumindest plädiert der Internationale Währungsfonds in seinem nun veröffentlichten jährlichen Schweiz-Bericht für negative Zinsen – sofern der Deflationsdruck hierzulande wieder zunimmt.

Das jedoch ist kein unwahrscheinliches Szenario. Eigentlich sollten die Konsumentenpreise 2014 nach zwei Deflationsjahren erstmals wieder steigen. Doch inzwischen erwartet die Schweizerische Nationalbank (SNB) in diesem Jahr nur noch stagnierende Preise – zwei Mal senkte sie in den vergangenen Monaten ihre Prognose. Der Hauptgrund dafür: Der Franken entwickelte sich in den vergangenen Wochen einmal mehr stärker als es die meisten Fachleute erwartet hatten. Das drückt die Preise für Importgüter und so die gesamten Lebenshaltungskosten.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

«Ein wirksames Instrument, um den Franken zu schwächen»

Beschleunigt sich dieser Abwärtstrend bei den Preisen durch eine neuerliche Aufwertung des Franken, so argumentierte der IWF nun, solle die SNB einen negativen Einlagezins für Banken einführen. Nach der gängigen Theorie würde der Franken weniger nachgefragt, weil Investitionen in der Schweiz an Attraktivität verlören. Gegenüber wichtigen Währungen wie dem Euro und dem Dollar würde die Schweizer Valuta an Wert verlieren.

Entsprechend findet der Vorstoss des IWF bei Schweizer Ökonomen sogar Anklang: «Negative Zinsen wären im Notfall ein wirksames Instrument, um den Franken zu schwächen», sagt Daniel Hartmann, Ökonom beim Anleiheinvestor Bantleon in Zug. So sieht es auch Alexander Rathke, Ökonom bei der  Konjunkturforschungsstelle Kof.

Negative Zinsen gab es in der Schweiz schon in den 70er Jahren

Dabei wären negative Zinsen für die Schweiz kein völlig unbekanntes Terrain. Als der Schweizer Franken wegen der Ölkrise in den 70er-Jahren massiv aufwertete, verständigten sich SNB und Geschäftsbanken darauf, den Franken zu schützen. Die Massnahmen reichten «von einem Verbot der Anlage ausländischer Gelder in inländische Wertpapiere und Grundstücke bis hin zu Negativzinsen auf kurzfristige ausländische Frankenguthaben», wie Thomas Stucki, Investmentchef bei der St. Galler Kantonalbank, kürzlich in einem Kommentar schrieb.

Erstmals brachte den Vorschlag negativer Zinsen Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Ökonom Silvio Gesell auf den Tisch. Er argumentierte für eine Steuer auf Bargeld, das im Wirtschaftskreislauf nicht eingesetzt, sondern lediglich gespart wird. Der renommierte US-Wirtschaftsexperte Irving Fisher soll von der Idee Gesells so begeistert gewesen sein, dass er sie Präsident Roosevelt in der grossen Depression der 1930er-Jahre unterbreitete.

1934 widmete Fisher dem Thema sogar ein ganzes Buch. Der renommierte Nobelpreisträger Milton Friedman nannte Fisher übrigens einmal den «grössten Ökonomen, den Amerika je hervorgebracht hat.»

Dänemark: Positives Beispiel für die Schweiz

Für das heutige Notenbankumfeld wären negative Zinsen allerdings weitgehend Neuland. Erstmals nach der grossen Finanzkrise 2008/09 experimentierte die Schwedische Reichsbank damit und senkte im Sommer 2009 den Zins für Übernachteinlagen auf minus 0,25 Prozent. Dort ging es auch darum, die abgestürzte Wirtschaft zu stützen.

Einen ähnlichen Schritt wagte Dänemarks Zentralbank Anfang Juli 2012: Kurz nach Einführung eines Minus-Zins von 0,2 Prozent auf Bankdepositen bei der Zentralbank verlor die dänischer Krone binnen kürzester Zeit deutlich an Wert. Zuvor litt die Krone ähnlich wie der Schweizer Franken heute unter einem steten Aufwertungsdruck. «Das Beispiel Dänemarks hat gezeigt, dass ein negativer Einlagezins zu einer schwächeren Währung führen kann», sagt Bantleon-Experte Hartmann.

Wieder mehr Geld verleihen

Allerdings kann dieses Rezept durchaus Nebenwirkungen haben. Denn die Beweggründe für negative Zinsen sind vielfältig: Nicht umsonst diskutierten jüngst vor allem die Währungshüter in der Euro-Zone diese Massnahme. Dort sollte der Schritt dazu führen, dass Geschäftsbanken wieder mehr Geld an Unternehmen und Haushalte verleihen. «Im Gegensatz zu einigen Ländern der Euro-Zone gibt es in der Schweiz aber keine Kreditklemme – im Gegenteil: Die SNB befürchtet, dass etwa am Immobilienmarkt zu viele Kredite vergeben werden», sagt Kof-Ökonom Rathke.

Allerdings ist noch nicht einmal sicher, dass negative Zinsen Wirtschaft und Kreditvergabe zwangsläufig steigern. Denn Minuszinsen wirken für Banken wie zusätzliche Gebühren, die sie möglicherweise auf Konsumenten und Unternehmer überwälzen wollen.

Darüber hinaus drohen verzerrende Effekte: «Falls ein negativer Einlagesatz tatsächlich zu einer vermehrten Kreditvergabe führt, könnten dadurch spekulative Geschäfte weiter befeuert werden», sagt der deutsche Makroökonom Ansgar Belke von der Universität Duisburg. Banken könnten versuchen, ihr überschüssiges Geld nicht bei der Zentralbank, sondern woanders anzulegen – zum Beispiel am Schweizer Immobilienmarkt. Dies wiederum würde jedoch die dortige Schieflage weiter verstärken.